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Die Kunst- und Antiquitätenhandlung A. S. Drey

Aufstieg, internationale Strahlkraft und abruptes Ende einer Kunsthändlerdynastie

Ausdruck des internationalen Ruhms der Kunst- und Antiquitätenhandlung A.S. Drey war das prächtige Geschäfts- und Wohngebäude, für das die Familie den renommierten Architekten Gabriel von Seidl gewinnen konnte. Mit dem 1911 fertiggestellten Prachtbau schuf er einen der bedeutendsten Kunsthandelsorte im damaligen München. Doch die jüdische Kunsthandelsfamilie geriet ab 1933 unter massiven Druck durch das NS-Regime, musste 1935 das Haus verkaufen verkaufen und 1936 den Kunstbesitz zwangsversteigern lassen. Die Kunsthandlung wurde „arisiert“ und als „Galerie für Alte Kunst – vormals A. S. Drey“ fortgeführt. Die Familie floh ins Ausland.

Das heutige Stammhaus der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern war einst eng verbunden mit einer der bedeutendsten Adressen des europäischen Kunsthandels: der Kunst- und Antiquitätenhandlung A. S. Drey. Diese zählte zu den renommiertesten und umsatzstärksten Unternehmen des Münchner Kunstmarkts. 1839 im fränkischen Heidingsfeld durch Aron Schmay Drey (1813–1891) gegründet, übersiedelte die Firma nach einem kurzen Intermezzo in Würzburg 1852 nach München. 1881 nahm Aron seinen Sohn Siegfried (1859–1936) und seinen Schwiegersohn Adolf Stern (1845–1913) als Teilhaber ins Geschäft. 1914 folgten deren Söhne Paul (1884–1953) und Franz Drey (1886–1952) sowie Ludwig (1882–1939) und Friedrich Stern (1888-1936).

1911 ließ sich die Familie von dem renommierten Architekten Gabriel von Seidl (1848-1913) ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus errichten – direkt angrenzend an das um 1900 von Friedrich von Thiersch (1852–1921) gebaute „Haus für Handel und Gewerbe“. Das am Maximiliansplatz 7 (heute Max-Joseph-Straße 2) gelegene Gebäude bot im Erdgeschoss auf 1.100 qm Platz für das Geschäft, während im Obergeschoss die Familien Drey und Stern wohnten. Zu ihrer Handelsware zählten insbesondere Altmeister-Gemälde, Skulpturen und wertvolle Gobelins, ein Bestand, den der Kollege Hugo Helbing (1863-1938) in den frühen 1930er Jahren auf etwa 2 Millionen Reichsmark schätzte.

International gefragt expandierte die Kunsthandlung und etablierte ein finanzstarkes Firmengeflecht mit Filialen in New York, London, später Brüssel, Den Haag und Paris, was hervorragende Auslandsgeschäfte garantierte. Noch 1927 wurde Siegfried Drey, der auch als Kommerzienrat und Handelsrichter wirkte, zum ersten Vorsitzenden des Verbandes des Deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels gewählt.

Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 endete diese Münchner Erfolgsgeschichte schnell und gnadenlos. Die jüdischen Familien Drey und Stern wurden verfolgt, entrechtet und wirtschaftlich durch immense, fingierte Steuerforderungen unter Druck gesetzt. Siegfried Drey sah sich gezwungen, das Haus zu verkaufen, das die benachbarte Handelskammer 1935 für 1,3 Millionen Reichsmark erwarb. Nach einem Besuch im Münchner Finanzamt und dem Zwang, eine sogenannte Unterwerfungserklärung zu unterzeichnen, starb Siegfried Drey auf dem Rückweg am 8.2.1936 an einem Herzinfarkt.

Nur wenig später, am 17./18.6.1936, erfolgte die Liquidationsversteigerung des wertvollen Kunstbestands der Firma bei Paul Graupe (1881-1953) in Berlin. Der Erlös floss direkt an die Finanzbehörde. Unter desaströsen Verkaufsbedingungen „arisierte“ ein weitgehend unbedeutender Kölner Kunsthändler namens Walter Bornheim (1888-1971) die Kunsthandlung, der sie unter dem Namen „Galerie für alte Kunst – vormals A. S. Drey“ zunächst am Ort weiterführte.

Die Familien Drey und Stern flohen nach Amerika und England, nur Siegfried Dreys Tochter Luise blieb in München, wurde im November 1941 nach Kaunas in Litauen deportiert und dort ermordet.

Auch nach 1945 blieb die Geschichte der Familie Drey schmerzhaft. Im Juni 1947 schrieb Dr. Paul Drey aus New York an die Handelskammer und teilte mit, dass die Familie keine Restitution des Gebäudes verlangen werde. Die Handelskammer sei aus ihrer Sicht ein fairer Verhandlungspartner gewesen. Stattdessen versuchte die Familie, den verlorengegangenen Kunstbesitz aus den Zwangsverkäufen zurückzuerlangen – ein fast aussichtsloses Unterfangen.

Das Gebäude nahm während des Zweiten Weltkriegs durch Luftangriffe schweren Schaden, blieb aber Stammsitz der IHK für München und Oberbayern, die es in den 1960er Jahren, 1992 und zuletzt 2012 umfassend renovierte.

Bilder

Haus Drey, um 1915
Haus Drey, um 1915 Zwischen 1909 und 1911 ließ die Firma A. S. Drey von Gabriel von Seidl direkt angrenzend an das von Friedrich von Thiersch errichtete Gebäude des „Hauses für Handel und Gewerbe“ ein repräsentatives Geschäftshaus am Maximiliansplatz errichten. Über den Galerieräumen befanden sich im Obergeschoss die Wohnungen der Familien Drey und Stern. Quelle: Stadtarchiv München, NL-PETT1-2454 Erstellt von: Georg Pettendorfer
Die Teilhaber der Kunsthandlung A. S. Drey, um 1913
Die Teilhaber der Kunsthandlung A. S. Drey, um 1913 v.l.n.r.: Ludwig Stern, Seniorchef Siegfried Drey, Fritz Stern sowie Franz und Paul Drey [Adolf Stern fehlt], um 1913 und Adolf Stern, 1913 Quelle: in: Stern, Virginia und Robert Drey: Drey/Stern. A personal history of A. S. Drey the art firm in Munich, Germany and members of the Drey and Stern families, Washington D. C. 2006, S. 3, 4.
Ergeschosszone mit sechs überlebensgroßen Skulpturen vor dem Gebäude der Kunsthandlung A. S. Drey am Maximiliansplatz 7, um 1911/1915
Ergeschosszone mit sechs überlebensgroßen Skulpturen vor dem Gebäude der Kunsthandlung A. S. Drey am Maximiliansplatz 7, um 1911/1915 Es handelte sich um Arbeiten der Bildhauer Heinrich Düll und Georg Petzold und stellten folgende Figuren dar: Silen, schöne Frau mit Spiegel, Götterbote Merkur, Dudelsackpfeifer, Tambourin-Schlägerin und Kriegsgott Mars, wobei das Bildprogramm bislang unentschlüsselt ist. Quelle: Stadtarchiv, NL-PETT1-2453 und STR-3425 und NL-PETT1-2450
Grundriss des Erdgeschosses und des Obergeschosses mit den Räumlichkeiten der Kunst- und Antiquitätenhandlung A. S. Drey, 1913
Grundriss des Erdgeschosses und des Obergeschosses mit den Räumlichkeiten der Kunst- und Antiquitätenhandlung A. S. Drey, 1913 Das Gebäude der Kunst- und Antiquitätenhandlung A. S. Drey bot im Erdgeschoss auf 1.100 qm 16 Räumen Platz, darunter ein prächtiger Renaissance-Saal, ein mit musealem Oberlicht ausgestatteter Bildersaal, eine Bibliothek, drei Kontore, Depots, Packräume usw. Im Obergeschoss wohnten die Familien Drey und Stern; zeitweise auch die Familie Pringsheim, nachdem sie ihr Haus verlassen musste. Quelle: in: Der Baumeister. Das Architektur Magazin, Band 11, München 1913, Tafel 89.
Die Antiquitätenhandlung A. S. Drey in München, 1912
Die Antiquitätenhandlung A. S. Drey in München, 1912 Die Zeitschrift „Der Cicerone“ von 1912 schwärmte von der „ältesten Antiquitätenhandlung Deutschlands“ und ihrem Bau „der für die Stadt eine seiner hervorragendsten Zierden bleiben wird.“ Der unbekannte Kritiker fuhr fort: „Es ist unmöglich auf alle hier vereinten Schätze hier im Detail einzugehen, man kann aber mit Bestimmtheit behaupten, dass die Qualität des hier Zusammengebrachten derzeitig wohl kaum von irgendeiner Antiquitätenhandlung der Welt überboten wird. Dieses Kunsthaus ist in der Tat ein Museum für sich und für alle Kunstfreunde und Liebhaber künstlerischer Kostbarkeiten in gleichem Maße der Beachtung und des Studiums wert, wie irgendeine der bedeutenden Münchner Kunstsammlungen.“ Quelle: Unbekannter Autor: Der Neubau der Antiquitätenhandlung A. S. Drey in München, in: Der Cicerone. Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers, Nr. 4, 1912, S. 387-390, hier S. 388 und 389.
Werkkarte der Kunsthandlung A. S. Drey, ca. 1920
Werkkarte der Kunsthandlung A. S. Drey, ca. 1920 Kunsthändler fertigten häufig von ihrer Handelsware auf Karten montierte Fotografien an, die als Vorlagen für Katalogabbildungen oder Kaufinteressierte dienten. Leider ist das Archiv der Kunsthandlung A. S. Drey verloren gegangen. Diese bislang nicht beachtete Fotokarte tauchte – neben mehreren anderen – unerwartet in der Photothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte auf und zeigt eine als italienische Renaissanceplastik bezeichnete Kleinbronze mit handschriftlichen Hinweis auf die Kunsthandlung A. S. Drey. Sie gelangte – laut rückseitigem Stempel – 1930 in die Fotosammlung des Instituts für Kunstgeschichte der LMU München, die sie 1989 dem ZI übergab. Der aktuelle Standort des abgebildeten Objekts ist nicht bekannt. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek/Sammlungen, Fotosammlung des kunsthistorischen Instituts der LMU, Nr. 431801
Titelblatt des Auktionskataloges zur Versteigerung „Aus dem Besitz der Firma A. S. Drey München (Räumungsverkauf)" und Anzeige aus der „Weltkunst“ vom 31.5.1936 zu den Versteigerungen 151-154
Titelblatt des Auktionskataloges zur Versteigerung „Aus dem Besitz der Firma A. S. Drey München (Räumungsverkauf)" und Anzeige aus der „Weltkunst“ vom 31.5.1936 zu den Versteigerungen 151-154 Am 17. und 18. Juni 1936 musste der Bestand der Kunsthandlung A. S. Drey in Berlin durch den Auktionator Paul Graupe zwangsversteigert werden. 513 Lose, darunter rund 70 wertvolle Gemälde von Cranach, Veronese oder Tiepolo, antike Möbel, Tapisserien und Skulpturen wurden fast zur Gänze versteigert. Der Erlös floss direkt an die Finanzbehörde. Quelle: Titelblatt des Auktionskataloges zur Versteigerung „Aus dem Besitz der Firma A. S. Drey München (Räumungsverkauf), Paul Graupe, Berlin, 17./18.06.1936, Berlin 1936, o.S. und Anzeige aus der „Weltkunst“ vom 31.5.1936 zu den Versteigerungen 151-154, darunter am 17./18.6.1936 die Versteigerung des Besitzes A. S. Drey München (Nr. 151) bei Paul Graupe Berlin [statt 1935 muss es 1936 heißen].
Anzeige für „Galerie für Alte Kunst (vormals A.S. Drey) G.m.B.H.“ Antiquitäten Gemälde, 1939
Anzeige für „Galerie für Alte Kunst (vormals A.S. Drey) G.m.B.H.“ Antiquitäten Gemälde, 1939 Der Kunsthändler Walter Bornheim, „Ariseur“ der Kunst- und Antiquitätenhandlung A. S. Drey, benannte das Geschäft zwar um, verwies aber weiterhin auf A. S. Drey, um nicht die hervorragende Kundschaft zu verlieren. Die Kunsthandlung sollte fortan „Galerie für alte Kunst – vormals A. S. Drey“ heißen. Sie verblieb zunächst am Maximiliansplatz, musste aber bald in die Brienner Straße 13 umziehen. Quelle: Weltkunst, Jahrgang XIII, Nr. 7/8, 19.02.1939, S. 6.
Das Kammergebäude nach dem Sprengbombentreffer vom 12. Juli 1944 und Schutträumung vor dem Kammergebäude mit dem Notdachstuhl, Ende 1945
Das Kammergebäude nach dem Sprengbombentreffer vom 12. Juli 1944 und Schutträumung vor dem Kammergebäude mit dem Notdachstuhl, Ende 1945 Das Gebäude der Industrie- und Handelskammer wurde während des Zweiten Weltkriegs bei den alliierten Luftangriffen auf München schwer getroffen und brannte großflächig aus. Es war so stark beschädigt, dass es nach dem Krieg nur notdürftig repariert und erst später tiefgreifend generalsaniert wurde. Quelle: Bayerisches Wirtschaftsarchiv
Industrie- und Handelskammer, Max-Joseph-Straße 2, um 1970-1975<br />
Industrie- und Handelskammer, Max-Joseph-Straße 2, um 1970-1975
Die IHK für München und Oberbayern renovierte das stark zerstörte Gebäude erstmals in den 1960er Jahren. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek/Sammlungen, ZI-0999-13-00-Th223870 Erstellt von: Arthur Schlegel
Das Gebäude der IHK für München und Oberbayern, 2019
Das Gebäude der IHK für München und Oberbayern, 2019 Nach der letzten Renovierung von 2012 bis 2018, bei der man den Innenhof zwischen den beiden verbundenen Gebäuden von Friedrich von Thiersch und Gabriel von Seidl überdachte. Erstellt von: Goran Gajanin Das Kraftbild / IHK München, 2019

Ort

Max-Joseph-Straße 2 (ehemals Maximiliansplatz 7), 80333 München | nicht öffentlich zugänglich

Metadaten

Birgit Jooss, “Die Kunst- und Antiquitätenhandlung A. S. Drey: Aufstieg, internationale Strahlkraft und abruptes Ende einer Kunsthändlerdynastie,” MunichArtToGo, zuletzt zugegriffen am 1. Juli 2026, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/343.