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Das Denkmal von Richard Wagner

Komponist zwischen Kult und Kontroverse

Das Marmor-Monument von Richard-Wagner wurde einst vom selbstbewussten städtischen Bürgertum errichtet. Heute erscheint sein Denkmal nicht mehr allen Münchnern selbstverständlich.

Nur ein gutes Jahr war es Richard Wagner (1813–1883) vergönnt, in München zu leben. Im Dezember 1865 musste der bei Bürgern und Magistrat in Ungnade gefallene Komponist seine Koffer packen und die Stadt verlassen – gegen den Willen seines Förderers König Ludwig II., der Wagner im Jahr zuvor nach München berufen hatte.

1913, im Jahr des 100. Geburtstags Wagners, hatte man dessen schmählichen Rauswurf längst bereut. Stolz würdigte die Stadt Ludwig II. als Wegbereiter des Musikgenies, blickte auf eine langjährige Pflege Wagnerscher Bühnenwerke und seit einigen Jahren sogar auf ein eigenes Wagner-Festspielhaus am Prinzregentenplatz. Münchens Selbstverständnis als wahre „Richard-Wagner-Stadt“ war fester Teil der kulturellen Identität der Stadt und wurde – gegen alle Widerstände Bayreuths – bewusst gepflegt. Höhepunkt der Hundertjahrfeier war die Enthüllung eines vom Münchner Bürgertum finanzierten Komponistendenkmals direkt neben dem Wagner gewidmeten Prinzregententheater. Initiator war der ehemalige Generalintendant Ernst v. Possart, der bereits beim Bau des Theaters treibende Kraft war.

Aus einem massiven Marmorblock schuf der Münchner Bildhauer Heinrich Waderé ein Bildnis, dem unverkennbar das berühmte Goethe-Gemälde von Tischbein als Vorbild diente. Dabei hielt Waderé am Denkmal-Typus des 19. Jahrhunderts fest und formte Wagner als Verkörperung von geistiger Größe. Statt nach rechts wie „Goethe in der römischen Campagna“ lässt er den Komponisten aber nach links auf das Theater blicken und stellt so einen unmittelbaren Bezug her.

Die Enthüllung am 21. Mai 1913 galt den Münchnern als eine Art „Wiedergutmachung“ an den vertriebenen Komponisten. Vor allem aber diente Wagners Monument als bewusste Demonstration kultureller Hoheitsansprüche: „In München stand die Wiege deines Ruhms – in München stehe dein Denkmal!“ lautete das Credo der Festrede.

Zwanzig Jahre später wurde Wagner anlässlich seines 50. Todestags erneut an seinem Denkmal geehrt. Die Gedenkfeier am 12. Februar 1933 fand in einem veränderten geistigen Klima statt. Aus der traditionellen Münchner Wagner-Pflege war eine völkisch-nationalistische Wagner-Vereinnahmung geworden, die den Komponisten und sein Werk als Inbegriff des „Deutschtums“ und „deutscher Kunst“ verstand. Sein Denkmal, ursprünglich von lokalpatriotischem Bürgerstolz getragen, wurde nun in einen nationalen, ideologisch aufgeladenen Wagner-Kult eingebunden. Massenchöre, Kranzniederlegungen unter anderem von völkisch-antisemitisch gesinnten Kulturvereinen, militärisches Gepräge und erste mit Hakenkreuzfähnchen geschmückte Fenster kündigten während der Feier den Geist der kommenden Regierung an.

Zwei Tage zuvor hatte der Schriftsteller Thomas Mann die nationalistische Vereinnahmung Richard Wagners im Rahmen eines Münchner Vortrages deutlich kritisiert. Der Kreis der Wagnerianer reagierte daraufhin mit der Veröffentlichung des „Protests der Richard-Wagner-Stadt-München“. Er wurde von zahlreichen namhaften Münchner Persönlichkeiten unterschrieben und sollte den nunmehr geächteten Nobelpreisträger letztlich ins Exil zwingen.

Es waren Vorgänge wie diese, die dem einstigen Prädikat „Richard-Wagner-Stadt München“ schweren Schaden zufügten, so dass es nach 1945 kaum mehr als Aushängeschild taugte. Wagners Antisemitismus sowie die späteren Verstrickungen der Bayreuther Wagner-Familie mit dem NS-Regime ließen eine unkritische Heroisierung zudem nicht mehr zu.

Heute täuscht die marmorne Ruhe des Denkmals. Kontroversen über den richtigen Umgang mit Wagner im öffentlichen Raum gehen an München nicht vorbei. 2016 wurde die Richard-Wagner-Straße in die „Liste der historisch belasteten Straßennamen“ aufgenommen und ihre Umbenennung in einem städtischen Gremium diskutiert. Gleichzeitig wurde und wird sein Werk in München in ungebrochener Tradition gepflegt und aufgeführt. Wagners Denkmal ist heute Vieles: Historisches Kunstwerk, Teil der Münchner Musikgeschichte, Gegenstand ideologischer Vereinnahmung, Ausdruck der Verehrung seines Werks – aber auch Spannungsobjekt und erinnerungskultureller Prüfstein für die Stadt.

Bilder

Richard-Wagner-Denkmal
Richard-Wagner-Denkmal Quelle: Private Aufnahme
Richard Wagner, um 1860
Richard Wagner, um 1860 Im Mai 1864 berief König Ludwig II. den Komponisten Richard Wagner nach München. Die finanzielle und persönliche Gunst, die er dem „Meister“ zukommen ließ, erregten schon früh Neid bei den Münchnern und Missfallen im Kabinett. In einer aufgeheizten Stimmung wurde der König schließlich gezwungen, den Komponisten aus der Stadt zu weisen. Es war ein Eklat, den man in München schon bald bereute: Wagner ließ sich in Bayreuth nieder und gründete dort seine Festspiele, die der Stadt Ruhm und klingelnde Kassen brachten. Quelle: Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Inv. Nr. FM-85/101.72, Sammlung Online Münchner Stadtmuseum - Franz Hanfstaengl, Richard Wagner, 1855 Erstellt von: Franz Hanfstaengl
Der Bildhauer Heinrich Waderé, um 1915
Der Bildhauer Heinrich Waderé, um 1915 Viele Plastiken und Skulpturen Heinrich Waderés sind bis heute im Münchner Stadtbild präsent. Als Künstler und Professor genoss er hohes Ansehen und prägte die hiesige Kunstszene seiner Zeit. Waderé vertrat eine konservative Kunstauffassung und fühlte sich zeitlebens der traditionellen Formen- und Ausdruckssprache verpflichtet. Entsprechend „klassisch“ präsentiert sich das Wagner-Monument ohne jegliche modernen Einflüsse. Quelle: Stadtarchiv München, FS-PER-W-0002-01 Erstellt von: Josef Paul Böhm
Ein Klassiker als Vorbild
Ein Klassiker als Vorbild Das berühmte Goethe-Porträt zeigt den Dichter auf einem Steinblock ruhend in der italienischen Campagna. Bildhauer Waderé versetzte Wagner in ganz ähnlicher Pose auf eine Steinbank und hüllte ihn in einen würdevollen langen Mantel. Tatsächlich entsprach die Darstellung eines in sich ruhenden Wagners kaum dessen tatsächlicher Wesensart. Doch Waderé ging um es darum, die „ganze Größe und Monumentalität“ der Wagnerschen Kunst auszudrücken. Mit der deutlichen Anspielung auf das Goethe-Bildnis erhob er den Komponisten in die Sphären eines „Klassikers“ und stellte ihn mit dem berühmten Dichter auf eine Stufe. Quelle: Links: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, 1787, Goethe in der römischen Campagna, Städel Museum, Inv. Nr 1157, Goethe in der römischen Campagna - Digitale Sammlung

Rechts: Richard-Wagner-Denkmal um 1915, Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek/Sammlungen, ZI-0950-12-00-325665

Marmor-Rohblock für das Richard-Wagner-Denkmal
Marmor-Rohblock für das Richard-Wagner-Denkmal Mit einem Gewicht von 800 kg war der Marmorblock aus dem Untersberg damals der massivste, der jemals dort gebrochen wurde. Sein aufwendiger Transport nach München glich einer logistischen und technischen Meisterleistung. Waderé hatte das Material in eine angemietete Halle am Ostbahnhof bringen lassen. Von dort wurde das vollendete Werk an seinen Bestimmungsort gebracht. Drei Tage, eine Lokomotive und eigens verlegte Schienen waren nötig, um das Wagner-Denkmal zum Prinzregentenplatz zu bringen. Quelle: Stadtarchiv München, FS-AB-STB-095-06
Denkmal-Enthüllung am 21. Mai 1913
Denkmal-Enthüllung am 21. Mai 1913 Einen Tag vor Wagners 100. Geburtstag enthüllte Prinzregent Ludwig das Denkmal vor zahlreichen geladenen Ehrengästen. Die Festreden ließen die Beziehung Münchens zu Richard Wagner in einem deutlich zurechtgerückten Licht erstrahlen. Mit ungebrochenem Sendungsbewusstsein verkündete man die „führende Stellung“ Münchens in der Pflege von Wagners Tonkunst. Die eingeladene Bayreuther Wagner-Familie blieb der Enthüllung demonstrativ fern. Quelle: Stadtarchiv München, FS-AB-STB-095-04
Widmung an das Königshaus
Widmung an das Königshaus Zur Zeit des Aufenthalts Wagners in München 1864/65 hatte man König Ludwig II. wegen seiner spendablen Förderung des Komponisten und seines vertrauten Umgangs mit Wagner scharf kritisiert. Zur Denkmal-Enthüllung 1913 hingegen feierte man den König als „Erretter“ Wagners aus „quälender Lebenssorge“, welcher „seinem Geiste neue Schwingen lieh“. Der damalige heftige Widerstand der übrigen Wittelsbacher Familie gegenüber Wagner war offenbar vergessen: Die dankbare Widmung des Denkmals gilt dem Königshaus und befindet sich auf der Rückseite des Sockels. Quelle: Private Aufnahme
Richard-Wagner-Denkmal und Prinzregententheater, um 1913
Richard-Wagner-Denkmal und Prinzregententheater, um 1913 Anders als heute entfaltete der damals noch strahlend helle Marmor-Wagner vor grüner Baumkulisse eine beachtliche Wirkung. Die Theaterbesucher kamen zumeist aus Richtung (heutiger) Innenstadt und erlebten Denkmal und Prinzregententheater beim Herannahen als gewollte Einheit. Hier fanden seit 1901 jährlich Wagner-Festspiele statt. Heutige Besucher nutzen die U-Bahn. Sie nähern sich somit von der entgegengesetzten Seite und nehmen das Denkmal nicht wahr: Die Verbindung zwischen Monument und Theater ist durch die mittlerweile unterbrochene Blickachse nicht mehr gegeben und inzwischen weitestgehend vergessen. Quelle: Stadtarchiv München, FS-STB-0606
Gedenkfeier anlässlich des 50. Todestags Richard Wagners
Gedenkfeier anlässlich des 50. Todestags Richard Wagners Auf beklemmende Weise symbolisiert das Foto die politische Umbruchszeit in München. Die Gedenkfeier fand am 13. Februar 1933 statt, nur wenige Wochen vor der politischen Übernahme Bayerns durch die Nationalsozialisten. Noch können Oberbürgermeister Scharnagl (vorne rechts) und Kultusminister Goldenberger (am Rednerpult) als Vertreter von Stadt und Land der Feier beiwohnen. Beide wurden kurz darauf aus ihren Ämtern gezwungen und durch gesinnungstreue Nachfolger ersetzt. Quelle: Stadtarchiv München, FS-NS-00145
Zeitungsbericht vom 01.04.1933 über Brandstiftung am Wagner-Denkmal
Zeitungsbericht vom 01.04.1933 über Brandstiftung am Wagner-Denkmal Kurz nach der Gedenkfeier fielen die niedergelegten Kränze der Zündellust eines Pyromanen zum Opfer. Das Geschehen wurde umgehend als Angriff auf den etablierten Wagner-Kult gewertet. „Richard-Wagner-Denkmal geschändet“ titelte der Völkische Beobachter, die Münchner Neuesten Nachrichten unterstellten einen „kommunistischen Bubenstreich“. Letzteres war möglicherweise eine Reaktion auf einen Artikel in der kommunistischen Neuen Zeitung. Sie hatte die Wagner-Gedenkfeier als „monarchistische Propaganda“ kritisiert und sich spöttisch über die anwesenden „Nazistadträte“ geäußert. Quelle: Stadtarchiv München, BAUA-HB-1110
Münchner Wagner-Vortrag von Thomas Mann - Einladung an Oberbürgermeister Scharnagl
Münchner Wagner-Vortrag von Thomas Mann - Einladung an Oberbürgermeister Scharnagl Der Festvortrag, den Thomas Mann anlässlich des 50. Todestags Richard Wagners 1933 im Audimax der Münchner Universität hielt, führte zu einem massiven Angriff auf seine Person. In einem mit „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ betitelten Offenen Brief, abgedruckt in den Münchner Neuesten Nachrichten, bezichtigte man den Schriftsteller der angeblichen Verunglimpfung Wagners. Weit mehr allerdings ging es darum, Mann öffentlich als Gegner der „nationalen Erhebung“ zu kennzeichnen und mit dem demokratisch gesinnten Nobelpreisträger abzurechnen. Thomas Mann erkannte die Bedrohung durch diesen inszenierten Feldzug. Er sah sich gezwungen, die Stadt München, in der er fast 40 Jahre lang gelebt hatte, zu verlassen und ins Exil zu gehen. Quelle: Stadtarchiv München, KULA-0089-2

Ort

Prinzregentenplatz, 81675 München | öffentlich zugänglich

Metadaten

Marlies Lüpke, “Das Denkmal von Richard Wagner: Komponist zwischen Kult und Kontroverse,” MunichArtToGo, accessed 13. Oktober 2026, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/361.