
Ein Kunstwerk im öffentlichen Raum: immer wieder beschmiert, immer wieder gereinigt.
1976/77 modelliert Martin Mayer die Bronzefigur einer "Schwimmerin", die vor dem Hallenbad der Ridlerschule an der Geroltstraße im Westend enthüllt wird. Die Frau, die einen Badeanzug trägt und gerade die Bademütze aufsetzt, entspricht mit flachem Busen, breiten Hüften und prallen Oberschenkeln nicht dem gängigen Schönheitsideal – und das hat in Martin Mayers Kunstschaffen auch keine Bedeutung. Pubertierende werden vielleicht gerade dadurch gereizt, das Kunstwerk immer wieder aufs Neue zu beschmieren. Es ist ihre Art, sich damit zu beschäftigen – und Martin Mayer nahm das gelassen: "Es schmeichelt mir, dass meine Statuen die Menschen heute noch in Wallung bringen können, auf welche Weise auch immer. [...] Das sehe ich immer als Zeichen dafür, dass meine Plastiken die Leute beschäftigen." (zit. nach Martin Mayer)
Martin Mayer (1931–2022) wurde als Sohn pfälzischer Eltern in Berlin geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er im Alter von 15 Jahren nach München und studierte bis 1954 beim Bildhauer Theodor Georgii, zunächst als Privatschüler, dann an der Akademie der Bildenden Künste. Als Theodor Georgii 1952 den von seinem Lehrer und Schwiegervater Adolf von Hildebrand gestalteten, im Krieg beschädigten Wittelsbacher Brunnen restauriert, vertraut er Martin Mayer einige der Bildhauer-Arbeiten an. Der nimmt 1953 als jüngster Bildhauer an der Großen Kunstausstellung im Haus der Kunst teil. 1957 richtet er sein erstes Atelier in München ein.
Der Kunsthistoriker Werner Haftmann hebt hervor, dass sich Martin Mayer seine Natürlichkeit bewahrt habe. Und Gerhard Marcks schreibt seinem Kollegen 1967: "[…] Kaum zu glauben, dass Sie in Berlin geboren sind: nicht nur Ihre Themen sind echte unschuldsvolle Münchner Hexen – Ihre ganze Auffassung atmet die Isarluft auch im Geistigen." (Roethel, S. 161).
Weibliche Figuren sind das zentrale Thema der Kunst von Martin Mayer. Dabei strebt er nicht vollkommene Schönheit an, wie griechische Künstler in der Antike, sondern bevorzugt vitale pyknische Körper, "atmendes Volumen" (Heinz Spielmann), gern auch mit breiten Hüften, die an Gebärfähigkeit denken lassen. Eckiges findet man bei Martin Mayers Frauenfiguren nicht, weder bei Körperformen noch bei Bewegungen.
"Keine dieser Frauen posiert, erst recht nicht als Modell, das einem Schönheitskanon zu entsprechen versucht", kommentiert der Kunsthistoriker Heinz Spielmann (S. 8). Es gibt keine "kalkulierte Statuarik". Die Frauen scheinen sich selbst zu genügen; sie bewegen sich eigenständig, lebensbejahend, unbefangen, "selbstvergessen jenseits aller Scham und Scheu" (a. a. O.), niemals lasziv oder obszön.
Bei den Frauenfiguren kommt es dem Künstler nicht auf anatomische Studien an. Wichtiger als Gesicht und Individualität sind ihm Volumen und Bewegung. Werner Haftmann vergleicht den Bildhauer mit einem Töpfer, der Formen schwellen lässt, statt sie aus einem Steinblock heraus zu meißeln.
Der Kunsthistoriker Heinz Spielmann beschreibt, wie sich die von Martin Mayer mit kräftigen Strichen begonnenen Skizzen im Arbeitsprozess vom Detail lösen. Abstrahierung hält der Bildhauer für essenziell. Dabei denkt er nicht an abstrakte Kunst, sondern an die Subtraktion des Unwesentlichen. "Kunst […] ist erklärte Natur, Abstraktion, in der Zufälligkeiten zugunsten des Wesentlichen abgezogen sind, Zusammenhänge sichtbar werden", schreibt Martin Mayer 1991 in einem Brief an Dietrich Heyde (Heyde, S. 7f.), und dieser zitiert Theodor Georgiis Leitsatz: "Man sollte bemüht sein, der Natur so nahe wie möglich zu kommen, indem man sich vom Naturalismus mehr und mehr entfernt." (Heyde, S. 14). "Per naturam ad artem, per artem ad naturam" steht auf der Kugel der "Olympia Triumphans". Damit beschreibt Martin Mayer sein künstlerisches Selbstverständnis. Jede seiner etwa dreißig großen Bronzefiguren im öffentlichen Raum wirkt "geradezu gewaltig einfach" (Heyde, S. 29).
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