Eingeordnet unter Englischer Garten

Der Eingang des Englischen Gartens

„Hier ist des Volkes wahrer Himmel, / Zufrieden jauchzet groß und klein: / Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“

„Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ Im ersten Teil des „Faust“ beschreibt Johann Wolfgang von Goethe 1808 mit dem Osterspaziergang eine damals noch neue Erfahrung: ein Aufatmen, ein Gefühl der Befreiung und der Gemeinsamkeit, das sich einstellte, wenn man die Enge der dicht bebauten Stadt hinter sich ließ. Dies galt auch für die Bewohnerinnen und Bewohner der Residenzstadt München, die sich im neuen Englischen Garten „im Schoße der Natur erquicken“ können sollten. Hier kam die Stadtbevölkerung an die frische Luft.

Der neue Volksgarten war nicht von einer Außengrenze – Mauern, Zäunen oder Hecken – eingehegt. Der ursprüngliche Haupteingang in den Englischen Garten erfolgte von der Innenstadt her, durch das Hofgartentor. An der „Straße vom Hofgarten gegen den Englischen Garten“ steht seit 1803 die als „Harmlos“ bezeichnete Statue, der Eingangswächter des Gartens. Die Reste der Befestigungswerke lässt man links liegen und passiert das Palais Salabert (Prinz-Carl-Palais). An einer Weggabelung vor dem Überqueren des Köglmühlbachs war die Entscheidung für einen der beiden Hauptwege in den Englischen Garten zu treffen. Den Weg nach Osten in das schmale Wiesental, das sich hier eröffnete, gibt es nicht mehr. Der Weg nach Norden führt heute wie damals zur ersten Szene des Landschaftsgartens, der weiten Schönfeldwiese.

Seit der Zeit um 1800 hat sich die gesamte Eingangssituation stark verändert: durch die 1901 eröffnete Prinzregentenstraße; das 1933–1937 errichtete „Haus der Deutschen Kunst“; 1972 durch die Anlage des Altstadtrings und des Tunnels. Ausgerechnet dieser als Übergang aus der Stadt in die Natur, aus der Enge in die Freiheit inszenierte neuralgische Punkt der Münchner Stadttopographie verkam damit zur zweigeschossigen Kreuzung des mehrspurigen Autoverkehrs. Im Kontext des Neubaus der Bayerischen Staatskanzlei führte der Landschaftsarchitekt Gottfried Hansjakob 1989–1994 – im Rahmen der Möglichkeiten – eine „Stadtreparatur“ durch. Sie wertet den Übergang vom Hofgarten zum Englischen Garten auf und ermöglicht es, die angrenzenden Außenanlagen der Staatskanzlei und des Prinz-Carl-Palais sowie den ehemaligen Palaisgarten (Finanzgarten, Dichtergarten) als Bestandteile dieser Schwellensituation zu erfahren.

Bilder

Der „Harmlos“: Hüter des Englischen Gartens, 1904
Der „Harmlos“: Hüter des Englischen Gartens, 1904 Die 1803 aufgestellte Statue von Franz Jakob Schwanthaler (1760–1820) ist eine Art steinerner Hüter des Gartens. Er stützt sich auf eine Marmortafel mit der frühesten Parkordnung: „Harmlos / wandelt hier / dann kehret / neu gestaerkt / zu jeder / Pflicht zurük.“ Sie appelliert an die Stadtbürger, die Promenade zur Erholung zu nutzen. In der Dramaturgie des Englischen Gartens spielt die Statue daher eine wichtige Rolle. Seit dem 16. Jahrhundert sind in privaten und fürstlichen Gärten der Renaissance und des Barock ebenso wie in Landschaftsgärten Gartenordnungen erhalten. Sie fordern die Eintretenden zum sorgsamen Umgang mit dem Garten auf. Quelle: Jakob Heiler, Münchens Gartenwesen, in: August Hoffmann, Hygienische und soziale Betätigung deutscher Städte auf den Gebieten des Gartenbaus, Düsseldorf 1904, S. 301.
Carl von Fischer (?), Plan des Münchner Hofgartens und seiner Umgebungen, Lavierte Federzeichnung, um 1804, Detail
Carl von Fischer (?), Plan des Münchner Hofgartens und seiner Umgebungen, Lavierte Federzeichnung, um 1804, Detail Die Zeichnung zeigt die beengte Situation des Eingangs zum Englischen Garten. Um so überraschender – für alle Sinne! – musste das Eintreten in den großen Landschaftsgarten wirken. Quelle: Weidner, Thomas: Rumford. Rezepte für ein besseres Bayern, Ausst.-Kat. Münchner Stadtmuseum 2014, München 2014, S. 120.
Carl August Lebschée, Das Prinz-Carl-Palais, Aquatinta, 1831
Carl August Lebschée, Das Prinz-Carl-Palais, Aquatinta, 1831 1804–1806 wurde das Palais durch Carl von Fischer für den Abbé Pierre de Salabert errichtet. Nach dessen Tod 1807 erwarb König Max I. Joseph das Gebäude auf Anraten Sckells, der den Palaisgarten (Dichtergarten, Finanzgarten) in den Englischen Garten integrieren wollte. 1825 übertrug Ludwig I. das im Stil einer palladianischen Villa errichtete Gebäude seinem Bruder Carl. Es wird heute als Gästehaus des bayerischen Ministerpräsidenten genutzt. Die ehemals privilegierte Lage am Eingang des Englischen Gartens wird durch die Verkehrssituation empfindlich gestört. Quelle: Stadtarchiv München, GS-A-0773
Blick von der Galeriestraße in Richtung des Englischen Gartens, Fotografie, 1904
Blick von der Galeriestraße in Richtung des Englischen Gartens, Fotografie, 1904 Wie verloren auf seinem Posten steht der „Harmlos“ an der Galeriestraße. Quelle: Stadtarchiv München, FS-NL-PETT1-1736
Blick nach Westen auf Sckells Wiesental mit dem Prinz-Carl-Palais, 1927
Blick nach Westen auf Sckells Wiesental mit dem Prinz-Carl-Palais, 1927 1934–1937 ging durch den Bau der nationalsozialistischen Ausstellungshalle „Haus der Deutschen Kunst“ eines der für Sckells Werk typischen Wiesentäler im Südteil des Gartens verloren. Quelle: Franz Hallbaum: Der Landschaftsgarten, sein Entstehen und seine Einführung in Deutschland durch Friedrich Ludwig von Sckell, 1750–1823, München 1927, S. 195

Ort

80539 München | frei zugänglich

Metadaten

Iris Lauterbach, “Der Eingang des Englischen Gartens,” MunichArtToGo, zuletzt zugegriffen am 25. Februar 2026, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/311.