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Der Lindwurmhof

Kohlelager, Kino, Klub

Das repräsentative Kontor- und Lagerhaus im Stil von Bürgerhäusern des 20. Jahrhunderts lag strategisch günstig neben der Gleistrasse zum Südbahnhof. Hier konnten modernste, feuersichere Brennstofflagerräume oder Büroräume angemietet werden.

Die Architekten Franz und Josef Rank, die ersten Eigentümer des Lindwurmhofs, waren Experten im Betonbau. So ist es nicht ungewöhnlich, dass das Gebäude in der damals noch nicht sehr häufig angewandten Betonskelettbauweise errichtet wurde. Das Projekt wurde in kurzer Zeit realisiert: Der Bau wurde im Juli 1910 begonnen und schon im Dezember 1911 fertiggestellt. Die kurze Bauzeit mag ebenfalls damit zusammenhängen, dass die Gebrüder Rank auf der Baustelle größtenteils die vor Ort vorhandenen Sand- und Kiesvorkommen zur Herstellung des Betons verwendeten, was den Transport- und Bestellaufwand reduzierte. Auch sonst war die Baustelle sehr modern ausgestattet: So kam ein Schwenkkran mit Dampfantrieb zum Einsatz und die Betonmisch- und Mörtelmaschinen konnten wegen der Nähe zu den Gleisen von einer 30-PS-Lokomotive angetrieben werden. In den Wintermonaten wurde die Baustelle zudem beleuchtet, was die schnelle Fertigstellung begünstigte. Da die wirtschaftliche Situation im Jahr der Fertigstellung schlecht war, standen viele Räume zunächst leer und der ursprünglich geplante Ausbau an der Nordseite des Gebäudes blieb aus.

Das leicht abschüssige Gelände wurde mit einem hohen Erdgeschoß mit Geschäftsräumen optimal ausgenutzt. Dort zogen 1912 die Lindwurmhof-Lichtspiele, ein Kinematografentheater mit 320 Sitzplätzen, ein. Ab 1916 sorgte die Kriegsindustrie des Ersten Weltkriegs schließlich für eine Auslastung der Büro- und Lagerräume. Der Lindwurmhof überdauerte aufgrund seiner Bauweise mit feuerfesten Materialien, wie Asphalt und Asbest, die das Gebäude vor Bränden der gelagerten Brennstoffe schützen sollten, auch den Zweiten Weltkrieg. Nur der hölzerne Dachstuhl brannte bei Bombenangriffen 1944/45 aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Büroräume wieder bezogen, unter anderem von der Eiscreme- und späteren Tiefkühlkost-Firma „Josef Pankofer & Co.”, die gemeinsam mit dem Hamburger Tiefkühlkost-Vertriebsmanager Holger Simonsen 1955 das deutschlandweit erste Tiefkühlkost-Sortiment vorstellte.

In den Lindwurmhof-Lichtspielen wurden nach dem Krieg hauptsächlich Actionfilme gezeigt, bis das Kino 1968 schließen musste. In den umgebauten Räumen des Kinos eröffnete im Folgejahr die Discothek „Crash” „die bald zum skandalumwitterten Szenelokal avancierte. […] Den alteingesessenen Sendlingern galt der ‘Beat-Schuppen’ als Tor in den moralischen Abgrund.” (zitiert nach Wolfgang Burgmair 2016, S. 53). Dort traten Größen der Rockmusik wie Jimi Hendrix oder Led Zeppelin auf, bis das „Crash” 1993 an seinen heutigen Standort nach Schwabing umzog. Bald darauf zog der „Stromlinien-Club” in die Räumlichkeiten, wo unter anderem die Sportfreunde Stiller oder Rammstein auftraten. 2003 wechselte erneut der Club und damit auch das Musikgenre im Erdgeschoß des Lindwurmhofs. Im „The Garden” wurde dort Electro gespielt, unter anderem waren dort von Sven Väth und Deichkind zu Gast. 2010 gab es einen erneuten Wechsel und mit dem „Mandalina” wurde dort orientalischer Electro aufgelegt. 2012 wurde der Lindwurmhof renoviert und im Anschluss zog der nächste Club in das Erdgeschoß: Das „Strom” befindet sich dort bis heute, und es gibt wieder Live-Konzerte mit Indie-Musik, Rock 'n' Roll und Brit-Pop.

Bilder

Der Lindwurmhof von der Lindwurmstraße aus gesehen, 2016
Der Lindwurmhof von der Lindwurmstraße aus gesehen, 2016 Blick auf das hohe Erdgeschoss, in dem sich heute der Club "Strom" befindet. Quelle: Wikimedia Commons Erstellt von: Fentriss
Blick in den Innenhof des Lindwurmhofs, 2013
Blick in den Innenhof des Lindwurmhofs, 2013 Während die Fassade des Gebäudes zur Straße hin mit Schmuckelementen gestaltet ist, hat der Innenhof einen eher funktionalen Charakter. Quelle: Wolfgang Burgmair: Der Lindwurmhof in München. 100 Jahre im Dienst von Industrie und Kultur, Lindenberg im Allgäu 2016, S. 44
Eingangstor des Lindwurmhofs an der Lindwurmstraße, 1974
Eingangstor des Lindwurmhofs an der Lindwurmstraße, 1974 Der Fassadenschmuck des Lindwurmhofs orientiert sich an Bauten des Münchner Barocks. Der Giebel über der Einfahrt ist den gestalterischen Elementen des oberen Fassadenteils der Asamkirche ähnlich. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek / Archiv 193702 Erstellt von: Siegfried von Quast
Die Pförtnerloge in der Einfahrt des Lindwurmhofs, 2013
Die Pförtnerloge in der Einfahrt des Lindwurmhofs, 2013 Die Hängeuhr und das Emailschild mit der Hausnummer im Eingangsbereichgehören zur Originalausstattung des Lindwurmhofs. Quelle: Wolfgang Burgmair: Der Lindwurmhof in München. 100 Jahre im Dienst von Industrie und Kultur, Lindenberg im Allgäu 2016, S. 37
Blick in das Dachgeschoss mit Stahlträgern und Gusszement
Blick in das Dachgeschoss mit Stahlträgern und Gusszement Um eine möglichst vielseitige Nutzung der Räume zu gewährleisten, hatte man sich für eine Rasterbauweise entschieden. Der Raum wird von Stahlträgern und Gusszement getragen und kommt so ohne zusätzliche Stützen aus. Quelle: Wolfgang Burgmair: Der Lindwurmhof in München. 100 Jahre im Dienst von Industrie und Kultur, Lindenberg im Allgäu 2016, S. 29
Die Lindwurmhof-Lichtspiele, 1927
Die Lindwurmhof-Lichtspiele, 1927 Ein Jahr nach der Fertigstellung des Lindwurmhofs zog im Erdgeschoss das Kinematografentheater "Lindwurmhof-Lichtspiele" ein. Quelle: Wolfgang Burgmair: Der Lindwurmhof in München. 100 Jahre im Dienst von Industrie und Kultur, Lindenberg im Allgäu 2016, S. 52
Die Diskothek "Crash" im Erdgeschoss, 1969
Die Diskothek "Crash" im Erdgeschoss, 1969 In der berühmten Diskothek "Crash" traten viele Größen der Rockmusik auf. Quelle: Wolfgang Burgmair: Der Lindwurmhof in München. 100 Jahre im Dienst von Industrie und Kultur, Lindenberg im Allgäu 2016, S. 53

Ort

Lindwurmstraße 88, 80337 München | je nach Öffnungszeiten zugänglich

Metadaten

Eva Blüml, “Der Lindwurmhof,” MunichArtToGo, accessed 17. Juni 2024, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/68.