Eingeordnet unter Sakralbau

Die Jesuitenkirche St. Michael

Ein Bauwerk am Übergang von Renaissance und Barock

St. Michael gehört zu den zentralen Bauwerken der Gegenreformation im süddeutschen Raum. Die Kirche markiert nicht nur die Ambitionen des Jesuitenordens in München, sondern steht zugleich für einen architektonischen Übergang zwischen Renaissance und Barock. Nicht ohne Grund wurde die Wandpfeilerkirche Vorbild für zahlreiche weitere Sakralbauten.

Herzog Albrecht V. (1528‒1579) gründete 1559 in München ein Jesuitenkolleg. Die Kirche wurde erst unter seinem Sohn Herzog Wilhelm V. (1548‒1626), genannt der Fromme, ab 1583 errichtet – ein Projekt, das den bayerischen Staat beinahe ruinierte. Dennoch wurde der Münchner Jesuitenorden zum Zentrum der Gegenreformation in Deutschland. Wilhelm V. war maßgeblich für die Verbreitung des Jesuitenordens in Bayern verantwortlich.

Architektonisch entzieht sich St. Michael einfachen Kategorien. Die Fassade folgt weder den klassischen Proportionen der Renaissance noch der plastischen Fülle des Barock. Vielmehr erinnert sie eher an profane Bauten wie großbürgerliche Häuser oder Rathäuser. In den damals engen Gassen des noch stark mittelalterlich geprägten Münchens war jedoch einfach kein Platz für eine tiefgestaffelte Schaufassade.

Stilistisch orientiert sich der Bau an der Mutterkirche des Ordens, Il Gesù in Rom, in ihren Ausmaßen übertrifft St. Michael jedoch diesen Vorgänger. Die Fassade dient als Selbstinszenierung des Bauherrn und seinem Einsatz für die Gegenreformation. Wilhelm V. reiht sich hier in eine Genealogie von Herrschern, die für den wahren Glauben und die Verbreitung des Katholizismus in Bayern stehen. Die Figurenfolge bildet einen geistigen Stammbaum der in Christus als Salvator Mundi oben im Giebel endet. Die Nische zwischen den Eingangsportalen zeigt den Erzengel Michael im Kampf mit dem Drachen. In den beiden Geschosszonen darüber sind zwölf Skulpturen von römisch-deutschen Kaisern und bayerischen Herrschern jeweils in Nischen zu sehen. Die beiden Nischen über dem Kirchenpatron Michael zeigen links Albrecht V. und rechts Wilhelm V. (mit einem Modell der Kirche). Zwei weitere Skulpturen stehen frei an den Seitenflügeln des Giebels.

Im Inneren beeindruckt der gewaltige, säulenlose Tonnenraum, einer der frühesten seiner Art nördlich der Alpen. Die Querhausarme übertreffen mit 31 Metern Breite sogar das römische Vorbild Il Gesù. Verschachtelte Triumphbogenmotive strukturieren das Langhaus und verleihen dem Raum Monumentalität. Die Planung des erweiterten Chors wird meist Friedrich Sustris zugeschrieben, während Wolfgang Miller und Wendel Dietrich an der Ausführung beteiligt waren.

Unter dem Chor befindet sich die Fürstengruft des Hauses der Wittelsbacher, in der unter anderem Herzog Wilhelm V. und seine Gemahlin Renata von Lothringen (1544‒1602), ihr Sohn Maximilian I. (1573‒1651) und auch König Ludwig II. (1845‒1886) beigesetzt wurden. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 fiel die Kirche an das Haus Wittelsbach, 1921 kehrten die Jesuiten zurück. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurden bis 1948 behoben; 1953 erfolgte die erneute Weihe. Die jüngste Renovierung bis 2018 stellte die Fassade wieder in eine Farbigkeit, die der ursprünglichen nahekommt.

St. Michael ist damit ein Schlüsselbau der europäischen Architekturgeschichte: ein Monument des konfessionellen Zeitalters und ein bedeutender Beitrag zur Entwicklung des großräumigen, stützenlosen Kirchenraums.

Bilder

Das Jesuitenkollegium in München, 1687
Das Jesuitenkollegium in München, 1687 Der Kupferstich aus dem Jahr 1687 zeigt die Gesamtanlage des Jesuitenkollegs. Unten rechts ist die Kirche St. Michael zu sehen. Er wurde nach dem Stich aus Matthäus Merians „Topographia Bavariae” von 1644 gestochen. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens im Jahr 1773 wurde 1783 das Wilhelminum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im Gebäudekomplex untergebracht. Der Komplex nebst der Michaelskirche wird daher auch „Alte Akademie” genannt. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, Rara-ZI-028458
Das Jesuitenkollegium im Stadtmodell von Jakob Sandtner, ca. 1570
Das Jesuitenkollegium im Stadtmodell von Jakob Sandtner, ca. 1570 Vor der mittelalterlichen Stadt erheben sich monumental der Kollegiumskomplex, die Augustinerkirche und die Frauenkirche. Sandtner fertigte das Stadtmodell im Auftrag von Albrecht V. anhand von Plänen aus dem Jahr 1568 an. Während das Kollegium bereits 1559 unter Albrecht errichtet wurde, war die Kirche St. Michael zu diesem Zeitpunkt erst in Planung. Für den Herzog wurde die Michaelskirche von Sandtner jedoch bereits in das Modell integriert. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, ZI-0824-01-337993 Erstellt von: Bayerisches Nationalmuseum München, Fotograf/in unbekannt
Fassade der Jesuitenkirche St. Michael an der Neuhauser Straße, um 1890
Fassade der Jesuitenkirche St. Michael an der Neuhauser Straße, um 1890 Die Grundsteinlegung der Kirche fand erst unter Wilhelm V. statt, am 18. April 1583. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, ZI-0891-02-039964 Erstellt von: unbekannt
Erzengel Michael im Kampf mit dem Drachen, nach 1907
Erzengel Michael im Kampf mit dem Drachen, nach 1907 1907 werden die Figuren der Hauptfassade restauriert. Manche der 12 Steinfiguren mussten fast vollständig ausgetauscht werden. Die Nische es Erzengels Michael wurde damals wieder zum Glänzen gebracht, nachdem das Messing im Laufe der Jahre stumpf geworden war. Die Aufnahme entstand kurz nach der Restaurierung der Bronzestatue im Jahre 1907 durch die königliche Erzgießerei München. Die Bronzefigur wurde vom niederländisch-deutschen Bildhauer Hubert Gerhard 1588 geschaffen. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, ZI-0893-01-072958 Erstellt von: Rehse & Co. München
Ansicht von St. Michael von Nordosten, an der Ettstraße, mit Blick auf den Chor, 1905
Ansicht von St. Michael von Nordosten, an der Ettstraße, mit Blick auf den Chor, 1905 Der Chor von St. Michael befindet sich nicht wie üblich im Osten, sondern im Norden, damit das Gebäude in das damals noch enge mittelalterliche Straßennetz Münchens passte. Das Querhaus verfügt ebenfalls über eine Giebelfront. Nachdem während der Bauarbeiten 1590 der Turm über dem Chor einstürzte sah Wilhelm V. dies als Zeichen, um ihn noch länger zu bauen. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, ZI-0891-02-230604 Erstellt von: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Fotograf/in unbekannt
Zerstörte Südfassade der Michaelskirche, 1946
Zerstörte Südfassade der Michaelskirche, 1946 Durch die Bombenangriffe vom 22. November 1944 wurde das Langhaus schwer beschädigt und das Tonnengewölbe stürzte ein. Auf dem Bild sind die Reste der Südfassade zu sehen, im Hintergrund die Trümmer der Augustinerkirche. Das Kollegiengebäude wurde durch den Zweiten Weltkrieg fast bis auf die Grundmauern zerstört. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, ZI-0892-01-010463 Erstellt von: Foto Marburg, Tümmerkampagne 1946, Neg.Nr. 202.548
Innenansicht nach Süden durch das zerstörte Kirchenschiff, 1946
Innenansicht nach Süden durch das zerstörte Kirchenschiff, 1946 Zum Zeitpunkt seiner Erbauung galt das Tonnengewölbe als außergewöhnliche Konstruktion. Es war der erste säulenlose Bau dieser Größe mit einem Tonnengewölbe in der Architekturgeschichte des nordalpinen Raums. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, ZI-0892-01-000789 Erstellt von: Foto Marburg, Tümmerkampagne 1946, Neg.Nr. 202.021
Außenansicht von Südwesten, 1972
Außenansicht von Südwesten, 1972 Von 1946 bis 1948 wird die Michaelskirche wiederaufgebaut. An Pfingsten 1953 wird der Bau geweiht. Nicht alle zerstörten Fassadenfiguren wurden bis zu diesem Zeitpunkt ersetzt und so blieben einige Nischen ‒ darunter auch die oberste mit dem Christus ‒ bis 1973 leer. Quelle: Bildarchiv Foto Marburg, Neg.Nr. 765733; Abzug Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek ZI-0891-02-316745 Erstellt von: Lala Aufsberg
Innenansicht nach Norden zum Chor, 1930er
Innenansicht nach Norden zum Chor, 1930er Die perfekte Halbkreiswölbung des Tonnengewölbes wird von dem Triumphbogen vor dem Chor, den Öffnungen des Querhauses zum Langhaus und den Emporen und Seitenkapellen des Langhauses wieder aufgegriffen, die sich ebenfalls halbkreisförmig öffnen. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, ZI-0892-02-116599 Erstellt von: Staatliche Bildstelle Berlin
Innenansicht nach Norden zum Chor nach dem Wiederaufbau, ca. 1970
Innenansicht nach Norden zum Chor nach dem Wiederaufbau, ca. 1970 Beim Wiederaufbau verzichtete man zunächst auf die aufwendige Stuckdekoration in den Kassetten des Gewölbes. Erst 1981 wurde sie wiederhergestellt. Die Ausstattung hatte den Zweiten Weltkrieg größtenteils überstanden. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, ZI-0892-02-493833 Erstellt von: Anthony Frank Kersting
Blick nach Süden auf die Orgelempore, 1921
Blick nach Süden auf die Orgelempore, 1921 Die Orgel in St. Michael wurde 1697 gebaut und erfuhr bis auf geringfügige Reparaturen bis zu ihrer Zerstörung 1944 keine wesentlichen Veränderungen. Im Rahmen des Wiederaufbaus wurde zunächst eine provisorische Orgel auf die wiederaufgebaute Empore installiert. Anlässlich der 400-Jahrfeier der Grundsteinlegung der Kirche im Jahre 1983 wurde die alte Orgel von 1697 rekonstruiert. Auch heute noch entspricht sie optisch diesem Bild. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, ZI-0892-02-075033 Erstellt von: unbekannt (vmtl. Eduard Wasow)

Ort

Neuhauser Str. 6, 80333 München | Frei zugänglich

Metadaten

Nadine Raddatz, “Die Jesuitenkirche St. Michael,” MunichArtToGo, zuletzt zugegriffen am 23. März 2026, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/321.