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Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen

Ein Mosaik als Ort der Erinnerung

Bunte Betonkacheln liegen wie ein Flickenteppich an der Ecke Oberanger und Dultstraße am Rande der Fußgängerzone zwischen Sendlinger Tor und Marienplatz. Durch die Umgestaltung des Raumes setzt Ulla von Brandenburg seit 2017 mit dem Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen eine Geschichte in Szene, die ansonsten unsichtbar bleibt. Der Stadtraum wird so zur Bühne einer gewaltvollen Vergangenheit und zum Markierungspunkt einer gelebten Erinnerung.

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen ist heute der einzige Hinweis auf die Großrazzia der Nazis, die am 20. Oktober 1934 im Gasthaus „Schwarzfischer“ den Auftakt für die systematische Homosexuellenverfolgung im gesamten Deutschen Reich bildete. Das im Jahr 1928 eröffnete Lokal war ein Treffpunkt für queere Menschen, stand aber von Anfang an unter Überwachung durch die Behörden.

Zwischen 1933 und 1945 wurden im NS-Staat etwa 7.500 Personen wegen Homosexualität in Konzentrationslagern inhaftiert. Noch bis weit in die Nachkriegszeit kam es in der Bundesrepublik Deutschland mit Berufung auf den im Kaiserreich geschaffenen und von den Nazis verschärften §175 zu Verhaftungen und Verurteilungen. Im Jahr 1969 wurde das Gesetz das erste Mal entschärft und schließlich im Jahr 1994 gestrichen.

Ulla von Brandenburg setzt in ihrem Bodenmosaik, dessen bunt gefärbte Betonkacheln in Form eines rechten Winkels um die Häuserecke herum angeordnet sind, drei Symbole der queeren Geschichte in Bezug zueinander: den rosa Winkel, den schwarzen Winkel und die Regenbogenfahne. Der rosa Winkel steht im Mosaik für die einstige Kennzeichnung der Schwulen in den Konzentrationslagern des NS-Staats. In den 1970er Jahren begann ein Aufarbeitungs- und Aneignungsprozess durch die queere Community, wobei das Dreieck vom Zeichen der Diffamierung und Ausgrenzung zum aktivistischen Motiv der Selbstbestimmung und Identifikation umgedeutet wurde und schließlich in der AIDS-Bewegung Gebrauch fand.

Einer ähnlichen Entwicklung folgte der schwarze Winkel in der Unterdrückungs- und Emanzipationsgeschichte von Lesben, blieb dabei jedoch stärker als der rosa Winkel in der Gedenkkultur verhaftet. Nachdem der NS-Staat unter anderem Lesben mit dem schwarzen Winkel im KZ kennzeichnete, wurde das Symbol in der lesbisch-feministischen Frauenbewegung der 1980er Jahre aufgegriffen, um auf die Situation lesbischer Frauen im NS aufmerksam zu machen.

Der Regenbogen stellt, seit der Kreation der Regenbogenfahne in San Francisco im Jahr 1978, heute das bekannteste Zeichen der queeren Bewegung dar und repräsentiert Stolz, Offenheit und Vielfalt. Von Brandenburg lässt sich von den Farben der Flagge inspirieren, verwendet jedoch eine eigene Farbgestaltung, deren Bedeutung im Kontext des Denkmals ersichtlich wird.

Die Verbindung der drei Symbole im Denkmal lädt zu einem gedanklichen Gang durch die queere Stadtgeschichte ein: von der Gewalt der Nazi-Zeit hin zu einer Bewegung für Freiheit und Selbstbestimmung. Im Zusammenspiel der Zeichen auf derselben Ebene wird dabei deutlich, wie eng die historischen Ereignisse miteinander verknüpft sind und dass der Weg zur offenen Gesellschaft nicht geradlinig verläuft und weiterhin geschützt werden muss.

Ulla von Brandenburg verändert die Raumwahrnehmung der Besucher*innen, indem sie mit dem Denkmal den Übergang zwischen Fußgängerzone und Fahrbahn markiert und als historischen Raum inszeniert. Ergänzt durch eine Gedenktafel macht das Mahnmal als Erinnerungsort Gewalt und Verfolgung, aber auch Gemeinschaft und Widerstand sichtbar. Einmal im Jahr wird hier der queeren Opfer des Nationalsozialismus gedacht. An jedem anderen Tag des Jahres wirkt das Denkmal selbstständig als Markierungspunkt der Geschichte und hoffnungsvolles Zeichen für eine tolerante Gesellschaft.

Bilder

Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten Lesben und Schwulen, 2017
Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten Lesben und Schwulen, 2017 Die Fotografie zeigt einen Ausschnitt des Bodendenkmals von Nordosten aus. Die Darstellung eines schwarzen Winkels für die Unterdrückung von Lesben stellt eine Besonderheit in der queeren Denkmallandschaft dar. Quelle: Wikimedia Commons Erstellt von: Rufus46
Gaststätte Schwarzfischer, 1910
Gaststätte Schwarzfischer, 1910 Die historische Postkarte zeigt eine Innen- und Außenansicht der Gaststätte Schwarzfischer. Quelle: Stadtarchiv München, FS-PK-STB-11274 Erstellt von: G. Feldbauer's Verlag

Ort

Dultstraße 1, 80331 München | öffentlich zugänglich

Metadaten

Laura König, “Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen,” MunichArtToGo, zuletzt zugegriffen am 24. Februar 2026, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/319.