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Die Zweibrückenstraße 10

Wohnhaus zweier Kämpfer für schwule Gleichberechtigung

In diesem Haus in der Zweibrückenstraße 10 wohnte um 1902 der Homosexuellenaktivist August Fleischmann. Seit 1981 wohnte in demselben Haus auch Gustl Angstmann, eine prominente Figur der Münchner Schwulenbewegung der 1970er- bis 1990er-Jahre. Dank dem Mut Einzelner wie Fleischmann und Angstmann erzielte die LGBTIQ+-Bewegung entscheidende Fortschritte, um in einer nicht immer freundlich gesinnten Gesellschaft akzeptiert zu werden. Die Isarvorstadt ist seit über 100 Jahren bevorzugtes Wohngebiet von Mitgliedern der LGBTIQ+-Gemeinschaft.

Hinter der neobarocken Putzfassade dieses typischen Miets- und Geschäftshauses aus dem Jahr 1893 lebten zu unterschiedlichen Zeiten gleich zwei prägende Persönlichkeiten der Münchner Schwulenbewegung: August Fleischmann und Gustl Angstmann.

August Fleischmann (1859–1931) war ein früher Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen, die er als „das dritte Geschlecht“ bezeichnete. Er stammte aus Baden und ließ sich 1888 in München nieder. Fleischmann wurde 1899 wegen des sexuellen Kontakts zu einem anderen Mann inhaftiert. Er verhielt sich nach seiner Entlassung – im Gegensatz zu vielen anderen Verurteilten – nicht still, sondern klärte in zahlreichen Schriften über die Gefahren der Erpressung auf Grundlage des § 175 (Kriminalisierung von Homosexualität zwischen Männern) auf. Im Juli 1902 erschien das erste Exemplar seiner Zeitschrift Der Seelenforscher, die er in seiner Wohnung in der Zweibrückenstraße 10 herstellte. Als dem Einzelkämpfer in den folgenden Jahren kein Erfolg vergönnt war, gab er sein bürgerrechtliches Engagement auf, verließ München und starb in der Nähe von Mannheim.

Gustl Angstmann (1947–1998) engagierte sich seit 1971 maßgeblich in der zweiten Münchner Schwulenbewegung. Der Therapeut und politisch aktive Schriftsteller kämpfte in der Homosexuellen Alternative München für die Entkriminalisierung schwuler Beziehungen, für eine tolerante Gesellschaft und für Respekt innerhalb der schwulen Szene. Mit dem autobiografischen Roman Ein ganz normaler Mann stieß er 1982 in die bayerische Literaturszene vor. Angstmann wohnte in den 1980er und 90er Jahren in demselben Haus wie 80 Jahre zuvor sein Vornamens-Vetter Fleischmann. Er starb an den Folgen von AIDS.

Bilder

Straßenansicht des Gebäudes in der Zweibrückenstraße 10, 2007
Straßenansicht des Gebäudes in der Zweibrückenstraße 10, 2007 In diesem Haus in der Zweibrückenstraße 10 wohnte um 1902 der Homosexuellenaktivist August Fleischmann. Seit 1981 wohnte in demselben Haus auch Gustl Angstmann, eine prominente Figur der Münchner Schwulenbewegung der 1970er- bis 1990er-Jahre. Erstellt von: Albert Knoll (2007)
August Fleischmann, 1902
August Fleischmann, 1902 Das einzig bekannte Foto von August Fleischmann stammt aus seiner Publikation Die Überbevölkerungsfrage und das Dritte Geschlecht, veröffentlicht in München 1902. Quelle: August Fleischmann, „Die Überbevölkerungsfrage und das Dritte Geschlecht“ (1902)
Zeitschrift "Der Seelenforscher", 1902
Zeitschrift "Der Seelenforscher", 1902 Der Seelenforscher war die erste in München erscheinende Homosexuellenzeitschrift. August Fleischmann plante ein langfristiges Periodikum, musste die Produktion jedoch nach 13 Ausgaben im Herbst 1904 einstellen. Die Verurteilung zu einer hohen Geldstrafe aufgrund einer Kontaktanzeige ruinierte ihn. Quelle: August Fleischmann, „Der Seelenforscher“ (1902)
Titelseite der Veröffentlichung "Der Freundling" von August Fleischmann, 1902
Titelseite der Veröffentlichung "Der Freundling" von August Fleischmann, 1902 In Der Freundling – Neueste Enthüllungen über das Dritte Geschlecht griff August Fleischmann die Theorien des Sexualforschers Magnus Hirschfeld über das Wesen der Homosexuellen auf. Mit dem Begriff „Freundling“ suchte Fleischmann nach einer positiven Selbstbezeichnung für schwule Männer. Quelle: August Fleischmann, „Der Freundling“ (1902)
Gustl Angstmann, 1986
Gustl Angstmann, 1986 Gustl Angstmann (1947–1998) engagierte sich seit 1971 maßgeblich in der zweiten Münchner Schwulenbewegung. Der Therapeut und politisch aktive Schriftsteller kämpfte in der Homosexuellen Aktionsgruppe München für die Entkriminalisierung schwuler Beziehungen, für eine tolerante Gesellschaft und für Respekt innerhalb der schwulen Szene. Erstellt von: Michael Lucan (1986)
Auszug aus der Kolumne "Der Grantler" von Gustl Angstmann, 1987
Auszug aus der Kolumne "Der Grantler" von Gustl Angstmann, 1987 Der Grantler war eine Kolumne von Gustl Angstmann in der monatlich erscheinenden Münchner Schwulenzeitschrift Südwind (1987–1996), in der er gesellschaftspolitische Missstände aufgriff und sie im bayerischen Dialekt kommentierte. Die Kommentare endeten immer mit der verbreiteten Floskel „Ma soggd ja nix, ma redd ja bloos!“. Quelle: Forum Queeres Archiv München / Südwind 2 (1987)

Ort

Zweibrückenstraße 10, 80331 München | Nur von außen zu besuchen

Metadaten

Albert Knoll, “Die Zweibrückenstraße 10,” MunichArtToGo, zuletzt zugegriffen am 3. März 2026, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/313.