Eingeordnet unter Archiv

Das Stadtarchiv der Landeshauptstadt München

Vom städtischen Wehramt zum Gedächtnis der Stadt

Mit dem städtischen Wehramt München in der Winzererstraße, in welchem seit 1926 das Stadtarchiv seine Heimat hat, schuf Hans Grässel (1860–1939) ein Dienstgebäude, das wie alle seine Bauwerke in seiner liebevollen Ausgestaltung nicht nur den praktischen Anforderungen der städtischen Verwaltung Rechnung trug, sondern bereits damals vornehmlich psychologische Aspekte berücksichtigte, die im Behördenbau heutiger Tage selbstverständlich erscheinen.

Zur Unterbringung des 1888 für die städtischen Militäraufgaben geschaffenen Wehramtes entwarf Stadtbaurat Hans Grässel (1860–1939) ein repräsentatives Dienstgebäude. Es trägt mit seiner illustren Eingangshalle, dem breiten Treppenhaus, den großen hellen Räumen und lichtdurchfluteten Gängen dazu bei, dass sich die dort Beschäftigten in „ihrem“ Haus wohlfühlen. Dies ist im Übrigen ein Merkmal aller Grässelschen Bauten, gleich ob es sich um Dienst- oder um Wohngebäude handelt.

Das Wehramt wurde auf dem Gelände einer ehemaligen Kiesgrube am Rand des Münchner Kasernenviertels zwischen 1912 und 1914 in zurückhaltenden Formen des späten 18. Jahrhunderts errichtet. Das viergeschossige Hauptgebäude war für den Amtsvorstand und die Friedensersatzkommissionen bestimmt, die den Innenhof umschließenden eingeschossigen Nebengebäude wurden von den Kriegsersatzkommissionen und als Lagerräume genutzt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Gebäude mit dem Übergang der Wehrhoheit auf das Deutsche Reich funktionslos und diente anderen städtischen Dienststellen als Unterkunft. 1926 bezog das Stadtarchiv die beiden Obergeschosse des Hauptgebäudes mit einem Teil seiner Bestände. Schließlich konnte es das gesamte Hauptgebäude in Besitz nehmen.

Der im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Gebäudekomplex wurde nach Kriegsende wieder von verschiedenen heimatlos gewordenen städtischen Dienststellen bezogen. 1947 konnte das Stadtarchiv die alleinige Nutzung für Archivzwecke sicherstellen. Die Wiederaufbauarbeiten begannen 1950 mit dem Nordpavillon. Anstelle der beiden zerstörten östlichen Pavillons entstanden zwischen 1958 und 1961 Magazintürme in zeitgemäßer Gestalt. 1964 bis 1965 wurde das kriegszerstörte Dach des Hauptgebäudes in alter Form mit einem als Magazin ausgebauten Dachgeschoss wieder errichtet. Im Rahmen einer dringend notwendigen Erweiterung der räumlichen Kapazitäten des Stadtarchivs wurden zwischen 1977 und 1982 zunächst die beiden Seitentrakte im Norden und Süden äußerlich in alter Form aber innen für Aufbewahrungszwecke und zur Aufnahme der Restaurierungswerkstatt erneuert. Von 1986 bis 1989 wurden auch der Ostflügel und die beiden Magazintürme durch einen großen Trakt mit Seitentürmen nach Planungen des Architektenbüros Hans-Busso von Busse (1930–2009) ersetzt. Neben Magazinräumen für insgesamt 34 km Aktengut, von denen derzeit bereits rund 26 km belegt sind, erhielt der in Schicht-Ziegelbauweise errichtete Neubau als Publikumsbereich eine Rotunde für Ausstellungen und Veranstaltungen. Abgeschlossen wurden die Baumaßnahmen 1990 durch die Aufstellung eines vierteiligen Kunstwerkes zwischen dem Gebäude und dem gegenüber liegenden Nordbad nach Entwürfen des französischen Künstlerehepaares Anne und Patrick Poirier. Es symbolisiert den Menschen und seinen Blick auf die Geschichte.

Das Stadtarchiv als „Gedächtnis der Stadt“ ist mehr als nur ein Lagerort für altes Schriftgut und Akten; es ist vielmehr ein Ort des Quellenmaterials für Forschende, sei es an wissenschaftlichen Institutionen oder privat zur eigenen Familiengeschichte. Damit will das Stadtarchiv die Menschen der Gegenwart mit der Überlieferung einer vermeintlich beendeten Zeit in Berührung bringen; es möchte ihnen helfen, sich für die Vergangenheit der eigenen Stadt zu interessieren – und diese auch zu verstehen.

Bilder

Stadtarchiv München, Vorderansicht von der Winzererstraße aus, um 1920
Stadtarchiv München, Vorderansicht von der Winzererstraße aus, um 1920 Das Bild zeigt das von Hans Grässel (1860–1939) in den Jahren 1912–1914 erbaute ehem. städtische Wehramt, das seit 1926 als Stadtarchiv dient. Von ihm stammen zahlreiche städtische Gebäude u.a. auch das Mathildenstift in der Mathildenstraße und das Bürgerheim St. Joseph am Luise-Kieselbach-Platz. Die großen städtischen Hauptfriedhöfe entstammen bis auf den Friedhof am Perlacher Forst alle seiner Planungsfeder. Quelle: Stadtarchiv München, FS-STB-3794
Ein Magazinraum nach Fertigstellung des Neubaus, 1990
Ein Magazinraum nach Fertigstellung des Neubaus, 1990 Das Bild zeigt einen noch leeren Magazinraum kurz nach der Fertigstellung, des nach Plänen von Hans-Busso von Busse (1930–2009) erbauten Magazins. Er ist im Übrigen der Architekt des Passagier-Abfertigungsbereichs des Flughafens „Franz-Joseph-Strauß“ im Erdinger Moos. Quelle: Stadtarchiv München, FS-STB-1067 Erstellt von: Catharina Hess
Treppenhaus im Stadtarchiv, 2023
Treppenhaus im Stadtarchiv, 2023 Das Treppenhaus im Stadtarchiv im 1. Stock mit den für Grässel charakteristischen Formen. Erstellt von: Christian Freundorfer

Ort

Winzererstraße 68, 80797 München | Einlass durch Sicherheitsdienst

Metadaten

Manfred Heimers und Christian Freundorfer, “Das Stadtarchiv der Landeshauptstadt München,” MunichArtToGo, accessed 24. Mai 2024, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/119.