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Kil’s Colosseum

Das pralle Leben und der Feuertod

Münchens größtes Varietétheater war Schauplatz rauschender Feste, aber auch einer schrecklichen Brandkatastrophe.

Die Kombination einer stets offenen Bierzapfsäule mit einem bunten Unterhaltungsprogramm ist bekanntermaßen ein Erfolgskonzept – nicht nur, aber besonders in München. Dies hatte auch der Bauunternehmer Franz Kil erkannt, als er 1873 in der Isarvorstadt sein legendäres „Colosseum“ (auch: „Kolosseum“) eröffnete. Das Glockenbachviertel sah damals noch völlig anders aus als heute: Es war vielmehr florierendes Gewerbegebiet denn Wohnviertel, mit dort ansässigen Traditionsunternehmen, die es teils heute noch gibt (etwa „Rodenstock“ und „Roeckl“). Bis zum Neubau der Hans-Sachs-Straße im Jahr 1896 befand sich in unmittelbarer Nähe zum „Colosseum“ außerdem eine Schwimm- und Badeanstalt – auch Naherholungsmöglichkeiten für die Großstädter waren also gegeben. Für Kils Etablissement war der Standort somit ideal: Varieté- und Artistikdarbietungen, Konzerte und Tanzveranstaltungen, mehrere Bierhallen, ein großer Biergarten und eine eigene Brauerei machten es rasch zu einem kulinarisch-kulturellen (und leicht verruchten) Hotspot vor den Toren der Stadt.

Zur Faschingszeit des Jahres 1881 ereignete sich hier jedoch eine Brandkatastrophe, die als „Eskimotragödie“ in die Annalen der Stadt einging: Am 18. Februar veranstaltete die Kunstakademie ein aufwendig gestaltetes Künstlerfest unter dem Motto „Eine Kneipreise um die Welt“. Über den gesamten Festsaal verteilten sich von den einzelnen Bildhauer- und Malerklassen inszenierte Länder-Stationen. Vor der Bühne erhob sich außerdem die riesige Attrappe eines Schiffs namens „Katerina“, das die Besucher der Veranstaltung imaginär durch die ganze Welt befördern sollte.

Das Unglück ereignete sich kurz vor Mitternacht an der Station „Eskimo-Höhle“ der Bildhauerklasse von Professor Max von Widnmann: Meterhohe Eisberge aus Gips und Felsblöcke aus Pappmaché simulierten hier ein arktisches Ambiente, die Studenten trugen zottelige, fatalerweise aus leicht brennbarem Werg und Watte gefertigte Inuitkostüme (bzw. was man damals eben für eine typische Tracht hielt). Das Kostüm eines Studenten entzündete sich an einer Kerze und binnen Sekunden standen er und mehrere Kommilitonen, die ihm zu Hilfe eilen wollten, in Flammen. Prominente Augenzeugen wie der Maler Lovis Corinth und der Schriftsteller Ludwig Ganghofer schilderten die schrecklichen Szenen später eindrücklich. Insgesamt neun Studenten verloren ihr Leben, sieben davon wurden am 22. Februar unter großer öffentlicher Anteilnahme in einem Gemeinschaftsgrab auf dem nahegelegenen Südfriedhof beigesetzt. Rund 15.000 Menschen begleiteten den Trauerzug, direkt hinter den Särgen schritt kein Geringerer als Prinz Luitpold von Bayern. Bis heute blieb das Unglück München und der Kunstakademie im Gedächtnis: Am Aschermittwoch 2015 erinnerte der Künstler und Absolvent der Münchner Akademie Stefan Lenhart mit seiner performativen Reinszenierung „Die Eskimo Tragödie (memento mori)“ an die Verstorbenen.

Dem Erfolg des „Colosseums“ tat das Desaster allerdings keinen Abbruch. Seinen Ruf als Münchner Kultinstitution konnte es sich noch gut dreißig Jahre lang bewahren, bevor das Programm nach dem Ersten Weltkrieg immer weniger bunt und stattdessen zunehmend profaner wurde. Nach einem Umbau der Innenräume im Jahr 1927 folgten nochmals einige Glanzzeit-Jahre, an denen die regelmäßigen Auftritte des Komikerduos Karl Valentin und Lisl Karlstadt deutlichen Anteil hatten. Der Zweite Weltkrieg markierte aber schließlich den endgültigen Niedergang: Durch einen Bombentreffer im Jahr 1944 schwer zerstört, entstand aus den Trümmern des „Colosseums“ wieder ein Tanzlokal, das jedoch nicht an alte Erfolge anknüpfen konnte. Im Jahr 1958 schlossen sich die Pforten schließlich für immer und der Komplettabriss des Gebäudes folgte drei Jahre später. Heute steht der kurz darauf errichtete Betonbaukomplex – eingefasst von Ickstatt-, Jahn-, Kolosseums- und Hans-Sachs-Straße – geradezu sinnbildlich für die brachialen Urbanisierungsmaßnahmen der 1960er Jahre im Glockenbachviertel. An das schillernde Treiben von einst erinnern nur noch der Name der „Kolosseumsstraße“ und ein einsamer Zeitzeuge an der Ecke Ickstatt-/Hans-Sachs-Straße: ein großer Kastanienbaum, der seinerzeit den Besuchern des Biergartens Schatten spendete.

Bilder

„Kil’s Colosseum“, Postkarte von 1897
„Kil’s Colosseum“, Postkarte von 1897 Auf der Ansichtskarte sind eine Außenansicht, die Kolosseums-Brauerei und eine Innenansicht des großen Festsaals wiedergegeben. Quelle: Stadtarchiv München, FS-PK-STB-03464
Reklame mit idealisierter Ansicht von „Kil's Colosseum“, 1888
Reklame mit idealisierter Ansicht von „Kil's Colosseum“, 1888 Die Reklame der „Actienbrauerei Kil's Colosseum“ wurde 1888 in einem anlässlich der Kunstgewerbeausstellung in München herausgegebenen Führer geschaltet. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek München, Bildarchiv, port-014348
Westermayers Schwimm- und Badeanstalt, 1889
Westermayers Schwimm- und Badeanstalt, 1889 Direkt angrenzend an „Kil’s Colosseum“ befand sich eine Schwimm- und Badeanstalt. Die Lithographie entstand nur wenige Jahre vor dem Abriss der Badeanstalt und dem Neubau der repräsentativen Hans-Sachs-Straße. Quelle: Stadtarchiv München, C1889097
Der große Festsaal, 1903
Der große Festsaal, 1903 Im Großen Festsaal von „Kil's Colosseum“ fanden rauschende Feste, vor allem die legendären Faschingsbälle (Redouten), statt. Der Saal war jedoch auch Schauplatz der Brandkatastrophe beim Künstlerfest am 18. Februar 1881. Quelle: Stadtarchiv München, FS-PK-STB-03465
Buntes Programm in „Kil’s Colosseum“
Buntes Programm in „Kil’s Colosseum“ Die Veranstaltungsanzeige verdeutlicht, dass der Fokus auf Sensationen und „Exotik“ lag. Quelle: Münchener Anzeiger, 15.12.1876, Nr. 350, S. 1.
Einladungskarte „Eine Kneipreise um die Welt“, 1881
Einladungskarte „Eine Kneipreise um die Welt“, 1881 „Eine Kneipreise um die Welt“ war das Motto des Künstlerfests der Akademie der Bildenden Künste in Kil’s Colosseum im Jahr 1881. Quelle: Ernst Rebel: Tod im Spiel. Die Brandkatastrophe auf dem Münchner Künstlerfest 1881, in: Jürgen Schläder und Regina Wohlfart (Hg.): AngstBilderSchauLust. Katastrophenerfahrungen in Kunst, Musik und Theater, Leipzig 2007, S. 149.
Das „Auswandererschiff ‚Katerina‘“, 1881
Das „Auswandererschiff ‚Katerina‘“, 1881 Für die Kulissen des Künstlerfests am 18. Februar 1881 wurde buchstäblich ein riesiger Aufwand betrieben: Die Takelage der Schiffsattrappe reicht fast bis zur Decke des Ballsaals. Quelle: Stadtarchiv München, CHRON052
Die „Eskimotragödie“ in der internationalen Presse
Die „Eskimotragödie“ in der internationalen Presse Die Brandkatastrophe löste internationales Entsetzen und Sensationsgier aus. So erschien wenige Tage nach dem Unglück, am 5. März 1881, etwa dieser Holzstich in The Illustrated London News. Quelle: Ernst Rebel: Tod im Spiel. Die Brandkatastrophe auf dem Münchner Künstlerfest 1881, in: Jürgen Schläder und Regina Wohlfart (Hg.): AngstBilderSchauLust. Katastrophenerfahrungen in Kunst, Musik und Theater, Leipzig 2007, S. 161.
Gedenkblatt für die Todesopfer der Brandkatastrophe, 1881
Gedenkblatt für die Todesopfer der Brandkatastrophe, 1881 Das Gedenkblatt beinhaltet Porträtfotos der neun toten Kunststudenten: Emil Einhart, Michael Adolf Hössbacher, Adolf Gehrke, Karl Kraus, Adam Christ, Otto Emmerling, Ernst Guttermann, Johann Schnetzer, Anton Maier. Das jüngste Opfer, Michael Adolf Hössbacher, war zum Zeitpunkt des Unglücks erst 18 Jahre alt. Quelle: Stadtarchiv München, C1881001
Gemeinschaftsgrab auf dem Alten Südfriedhof
Gemeinschaftsgrab auf dem Alten Südfriedhof Sieben der neun Todesopfer wurden in einem Gemeinschaftsgrab auf dem nahegelegenen Alten Südfriedhof beigesetzt. Mit seinem hohen Kreuz ist es eines der höchsten Grabmäler auf dem Friedhof (Gräberfeld 20, Reihe 8, Platz 20). Erstellt von: Hanna Lehner
Inschrift des Grabsteins
Inschrift des Grabsteins Die Inschrift nennt die Namen der sieben hier begesetzten Studenten: Emil Einhart, Johann Schnetzer, Adam Christ, Michael Adolf Hössbacher, Karl Kraus, Adolf Gehrke und Ernst Guttermann. Erstellt von: Hanna Lehner
Erneute Glanzzeit-Jahre des „Kolosseum“
Erneute Glanzzeit-Jahre des „Kolosseum“ Für das Programmheft von 1934 wurde Karl Valentin werbewirksam als ‚Headliner‘ auf dem Cover platziert... Quelle: Valentin-Karlstadt-Musäum, München
Programmheft von 1934
Programmheft von 1934 ... sein unverzichtbarer Konterpart war allerdings Lisl Karlstadt. Als Duo traten die beiden regelmäßig im „Kolosseum“ auf und boten – unterstützt von weiteren Komikern – ein abendfüllendes Programm. Quelle: Valentin-Karlstadt-Musäum, München
Tanzen unter Plastikpalmen, Ende 1940er / Anfang 1950er Jahre
Tanzen unter Plastikpalmen, Ende 1940er / Anfang 1950er Jahre Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden im „Kolosseum“ wieder Tanzveranstaltungen statt. Quelle: Veronika Hofer und Marcella Ide-Schweikart (Hg.): Das Glockenbachviertel. Gründerzeit im Fluß, München 2000, S. 152.
Heutige Situation an der Jahnstraße Ecke Kolosseumstraße, 2022
Heutige Situation an der Jahnstraße Ecke Kolosseumstraße, 2022 Nichts an dem 1960er Jahre-Beton-Charme deutet heute darauf hin, dass hier einst Münchens berühmtestes Variétetheater stand. Erstellt von: Hanna Lehner

Ort

Kolosseumstraße / Jahnstraße, 80469 München | Nicht erhalten

Metadaten

Hanna Lehner, “Kil’s Colosseum,” MunichArtToGo, accessed 24. Mai 2024, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/47.