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Das Standbild von Orlando di Lasso

Zwischen Erinnern und Vergessen: Wie sich ein Denkmal verwandelt

Fast vier Jahrzehnte lang war München die Heimat eines der bedeutendsten Komponisten der Renaissance. Orlando di Lasso brachte im 16. Jahrhundert Ruhm und musikalischen Glanz an den Münchner Hof. Sein Denkmal am Promenadeplatz hat immer wieder neue Rollen übernommen und erzählt von den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der Stadt.

Im Mai 1956 fand in München ein feierlicher Festakt in Gegenwart oberster Vertreter aus Kultur, Wissenschaft und Kirche statt. Genau 400 Jahre war es her, dass der Komponist Orlando di Lasso Antwerpen verließ, um 1556 in die Dienste Herzog Albrechts V. (1528–1579) zu treten und die hiesige Hofkapelle zu ungeahnter Blüte zu führen. Bis zu seinem Tod 1594 blieb Lasso München treu.

In den 1830er Jahren hatte König Ludwig I. (1786–1868) damit begonnen, verdiente Persönlichkeiten seines Landes mit bronzenen Standbildern zu ehren und dies zugleich mit seinen kulturpolitischen Zielen und Idealen zu vereinen. Die Denkmäler sollten die Untertanen aller Landesteile in nationalem Stolz vereinen und Bayern nach außen hin als bedeutende Kulturnation präsentieren.

Der allgemeine Geniekult des 19. Jahrhunderts verlangte darüber hinaus nach einer sprichwörtlichen „Überhöhung“. Ein massiver Sockel, der den Dargestellten über den Betrachter erhebt, war unabdingbar. Bildhauer Max von Widnmann hatte zudem die Aufgabe, Lasso nicht nur erkennbar als Musiker, sondern zugleich als schöpferisches Individuum von überragender geistiger Größe zu formen.

Widnmann zeigt den Komponisten deshalb im Moment musikalischer Eingebung mit unbestimmt in die Ferne gerichtetem Blick. Notenpapier und Feder in der Hand lassen vermuten, dass er diese Inspiration sogleich in überzeitlich gültige Musik verwandeln wird. Die überhöhende Bezeichnung als „Tondichter“ am Sockel stellt Lasso dabei bewusst über seine weniger gesegneten Komponistenkollegen.

Idealisierende Funktion hat auch der wallende Mantel, der die Figur faltenreich umhüllt – eine beliebte „Zutat“ des 19. Jahrhunderts, die Gelehrsamkeit vermitteln soll. Mit der zu Lassos Zeiten tatsächlich getragenen, modischen Schaube (eine Art Kurzmantel) hat das fantasievolle Kleidungsstück wenig zu tun und steht somit in merkwürdigem Kontrast zu der übrigen, historisch korrekt dargestellten Kleidung.

Lassos Denkmal wurde 1849 neben seinem bereits im Jahr zuvor enthüllten Komponistenkollegen Gluck am Odeonsplatz aufgestellt, doch schon 1861 ließ Widnmanns neues Reiterstandbild Ludwigs I. keinen Platz mehr für die beiden. Gemeinsam wanderten sie auf den Promenadeplatz, den sie sich für die nächsten 80 Jahre mit drei weiteren Bronzestatuen teilten.

Ab 1940 sorgte der kriegsbedingte hohe Bedarf an Metallreserven für eine Auslese. Lassos Bronze-Porträt gehörte zu jenen Statuen, die man nicht vor dem Einschmelzen für Rüstungszwecke bewahrt hatte. Genauso wie die benachbarten Statuen von Christoph W. Gluck und Alois Kreittmayr entsprach es nicht den Werten der neuen Zeit und wurde in einem Akt selektiver Tilgung der „Metallmobilisierung“ geopfert. Zurück blieben drei verwaiste Sockel.

Während der Vorbereitungen für den 800. Stadtgeburtstag im Jahr 1958 beschloss man, Orlando di Lasso wieder ein Denkmal zu errichten. Statt für eine Neuschöpfung entschied sich der städtische Festausschuss für eine originalgetreue Kopie nach dem noch vorhandenen Gipsmodell Widnmanns. Mit der Enthüllung der vertrauten Statue am 22. Juli 1958 wurde die Erinnerung an ihren Verlust gleichsam überschrieben: Der Komponist auf dem wiederbelebten Sockel sah aus, als sei er nie fortgewesen.

Die bewusste Rückkehr zum Alten fügte sich nahtlos in ein Festprogramm ein, das sich der Inszenierung einer ungebrochenen Kulturtradition verschrieben hatte und dabei die Jahre 1933 – 1945 vollständig ausblendete. Damit erhielt Lassos Statue eine Doppelfunktion: Als Symbol musikalischer Tradition stand sie für einen gewollten Erinnerungswert, der zugleich unerwünschte Erinnerungen an belastende Brüche und Leerstellen überdeckte.

Heute besitzt Lassos Denkmal vor allem historischen Wert. 2009 wurde sein längst funktionslos gewordene Monument von der Fangemeinde Michael Jacksons zum „Memorial“ ihres Idols umgewandelt und im Sockelbereich mit zahlreichen Andenken an den Popstar bestückt. Seither hat sich die Wahrnehmung des Denkmals deutlich verschoben: Privates Gedenken ersetzt die „von oben“ verordnete Repräsentationsfunktion; aus Distanz durch Überhöhung wurde ein emotionaler Erinnerungsort auf Augenhöhe. Lasso hat inzwischen eine andere Art von Denkmal erhalten: Die jüngst in München vollendete Gesamtausgabe seiner Werke hat ihm ein neues (diesmal musikalisches) Monument gesetzt.

Bilder

Denkmal Lasso
Denkmal Lasso Quelle: Private Aufnahme
Odeonsplatz 1855
Odeonsplatz 1855 Das Foto zeigt den ursprünglichen Standort der beiden Denkmäler von Orlando di Lasso (vorne) und Christoph Willibald Gluck am Odeonsplatz. Inhaltlich nehmen die beiden Komponisten Bezug auf den Odeons-Konzertsaal, der sich dahinter im Gebäude des heutigen Innenministeriums befand. Während Gluck 1848 direkt vor dem Odeon Aufstellung fand, wurde Orlando di Lasso 1849 vor dem Leuchtenbergpalais rechts daneben platziert. Heute beherbergt dieses Gebäude das Finanzministerium. Quelle: Stadtarchiv München, NL-WEIN-0013
Titelblatt der Festmusik zur Enthüllung des Lasso-Denkmals
Titelblatt der Festmusik zur Enthüllung des Lasso-Denkmals König Ludwig I. glaubte in den geistlichen Werken der Renaissance-Meister die ursprüngliche und „wahre Kirchenmusik“ zu erkennen und unterstützte ihre Wiederaufführung in vielfacher Weise. Anlässlich der feierlichen Denkmal-Enthüllung am 15.10.1849 erklang u.a. Lassos Vokalkomposition „Der Tag, der ist so freudenreich“. Sie wurde von Hofkapellmeister Johann Hartmann Stuntz für vier Singstimmen und Blasinstrumente arrangiert und ist als handschriftliche Partitur in der Bayerischen Staatsbibliothek erhalten. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek München, Mus.ms. 4377
Johann Sadeler: Porträt Orlando di Lasso 1593
Johann Sadeler: Porträt Orlando di Lasso 1593 Als Vorbild für Lassos Bronzebildnis diente Widnmann der bekannte, vielfach kopierte Kupferstich von Johann Sadeler. Widnmann hatte das Porträt bereits zur Modellierung der Lasso-Büste in der Ruhmeshalle herangezogen. Es zeigt den alternden Komponisten als ergrauten Künstler. Sadelers Stich gilt als letztes zu Lebzeiten Lassos gefertigtes Bildnis. Bald darauf, am 14. Juni 1594, starb der Komponist und wurde in München beigesetzt. Quelle: Rijksmuseum Amsterdam, Objekt Nr. RP-P-OB-5500
Orgel „to go“ - Das Portativ an Lassos Denkmal
Orgel „to go“ - Das Portativ an Lassos Denkmal Max v. Widnmann stellte Lasso ein sogenanntes Portativ zur Seite, das sich neben ihm auf einer Art Balustrade befindet. Es handelt sich dabei um eine kleine, tragbare Orgel; die Tasten verdeckt von Lassos Arm, ist sie an den Pfeifen und dem Blasebalg gut erkennbar. Der musizierende Engel, mittig auf dem Gemälde von Hans Memling, zeigt anschaulich, wie das Portativ zu spielen ist. Das Instrument wird dazu entweder auf den Schoß oder wie hier auf das angewinkelte Bein gestellt. Während die eine Hand den Blasebalg bedient, spielt die andere auf der Tastatur. Quelle:

Rechts: Hans Memling, um 1485,
God the Father with Singing and Music-Making Angels,
inv.no. 778-780, photo: Rik Klein Gotink, Royal Museum of Fine Arts Antwerp - Collection Flemish Community, public domain

Links: Denkmal für Lasso, 1987, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek/Sammlungen, Margrit Behrens, ZI-0948-10-00-331356, CC BY-SA 4.0

Denkmal Orlando di Lasso
Denkmal Orlando di Lasso Offenbar wusste Widnmann aus alten Bildquellen, wie das mittelalterliche, im 19. Jahrhundert längst vergessene Instrument verwendet wurde. Er stellt Lasso mit angewinkeltem, auf den Sockel der Balustrade gestütztem Bein dar, so als habe er sein Portativ gerade erst zur Seite gestellt, um seine musikalischen Gedanken niederzuschreiben. Ob dieses Instrument zu Lassos Zeit jemals in der Münchner Hofkapelle zum Einsatz kam, ist eher zweifelhaft. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek/Sammlungen, ZI-0948-10-00-331351
Promenadeplatz 1878 (von rechts nach links: Alois Kreittmayr, Orlando di Lasso, Kurfürst Max Emanuel, Ch .W. Gluck, Lorenz von Westenrieder)
Promenadeplatz 1878 (von rechts nach links: Alois Kreittmayr, Orlando di Lasso, Kurfürst Max Emanuel, Ch .W. Gluck, Lorenz von Westenrieder) Mit dem Umzug an den neuen Standort verlor Lassos Denkmal (2. von rechts) nicht nur seine bis dahin exponierte Lage am Odeonsplatz. Statt auf individuelle Würdigung setzte König Ludwig I. am Promenadeplatz auf Repräsentation durch „Masse“ und Monumentalität. Ohne inhaltlichen Bezug zum Standort, zusammenhanglos aufgereiht zwischen vier weiteren Bronzestandbildern, verschob sich die Wahrnehmung der Lasso-Statue in Richtung einer gewissen Beliebigkeit, die den Betrachtern keine Anknüpfungspunkte mehr bot. Quelle: Münchner Stadtarchiv, FS-CHR-C1878042
Demontierte Denkmäler am Promenadeplatz 1948
Demontierte Denkmäler am Promenadeplatz 1948 Die Aufnahme zeigt die Situation am Promenadeplatz kurz nach Kriegsende. Vor dem zerstörten Hotel Bayerischer Hof sind die leeren Sockel Alois Kreittmayrs (rechts) und Orlando di Lassos (links) zu erkennen. Nicht auf dem Foto zu sehen sind der ebenfalls abgeräumte Sockel Christoph W. Glucks sowie die beiden Podeste mit den verschonten (und somit erhaltenen) Bronzen des Kurfürsten Max Emanuel und Lorenz von Westenrieders. Quelle: Stadtarchiv München, FS-NK-STR-0044
Gutachten der Akademie der Bildenden Künste 1957
Gutachten der Akademie der Bildenden Künste 1957 Die Wiederherstellung eines über 100 Jahre alten Denkmals war nicht unumstritten. Widnmanns Werk entsprach weder den kunstästhetischen Vorstellungen der 1950er Jahre noch der Förderpolitik des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, das vor allem die Unterstützung lebender Künstler und ihrer Werke vorsah. Da man im Ministerium die künstlerische Qualität der historischen Statue anzweifelte, wurde ein Gutachten bei der Akademie der Bildenden Künste bestellt. Trotz positiver Einschätzung fiel der Zuschuss an den städtischen Festausschuss mit DM 2.000, - (bei Gesamtkosten von DM 40.000, -) verhältnismäßig gering aus. Quelle: Bayerisches Hauptstaatsarchiv, MK 51119-23
Bearbeitung des Gipsmodells Orlando Lassos / Erzgießerei Agostino Zuppa
Bearbeitung des Gipsmodells Orlando Lassos / Erzgießerei Agostino Zuppa Der italienische Erzgießer Agostino Zuppa schuf die neue Lasso-Statue in seiner eigenen Kunstgießerei in der Münchner Schwedenstraße. Auch Glucks neues Komponistenstandbild wurde von ihm gegossen. Zuppa scheint gut in der damaligen Künstler-Szene vernetzt gewesen zu sein. Aus seiner Gießerei stammen u.a. mehrere Werke des damals sehr bekannten Bildhauers Andreas E. Rauch, darunter auch die populäre Figur Karl Valentins für den gleichnamigen Brunnen am Viktualienmarkt. Quelle: Stadtarchiv München, FS-HB-113
Denkmal Orlando di Lasso, neu gegossen
Denkmal Orlando di Lasso, neu gegossen Neue Statue auf altem Sockel: Seit 1958 steht Orlando di Lasso wieder am gewohnten Platz. Eine Bronzeinschrift auf der Rückseite nennt immer noch das Jahr 1849, denn der Sockel wurde nie ausgewechselt. Hinweise, dass es sich bei der Bronzestatue nicht um das Original handelt, fehlen bis heute. Quelle: Stadtarchiv München, FS-HB-113-01
Michael-Jackson-Memorial
Michael-Jackson-Memorial Die Umwandlung in eine Gedächtsnisstätte für Michael Jackson zieht seit 2009 unzählige Fans aus aller Welt an und hat dem Denkmal einen Platz in zahlreichen München-Reiseführern beschert. Zwischen den Fotos des Popstars geht die originale Inschrift aus dem 19. Jahrhundert heute fast unter. Sie gibt den Wissenstand von 1849 wieder: Die Annahme, Orlando di Lasso hätte mit wirklichem Namen „Roland de Lattre“ geheißen, basiert auf eine lückenhafte Recherche der damals noch jungen Lasso-Forschung – ein Irrtum, der sich hartnäckig bis in die 1970er Jahre halten sollte. Quelle: Private Aufnahme

Ort

Promenadeplatz, 80333 München | öffentlich zugänglich

Metadaten

Marlies Lüpke, “Das Standbild von Orlando di Lasso: Zwischen Erinnern und Vergessen: Wie sich ein Denkmal verwandelt,” MunichArtToGo, zuletzt zugegriffen am 12. Mai 2026, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/337.