Das Grab von Karl Josef Zwerschina
Historist und Histotainer, Restaurateur und Restaurator

Ein unscheinbares, seltsames Grabmal steht nahe der Stephanskirche an der Westmauer des Südlichen Friedhofs. Von einem Giebeldach wird eine leere Nische bedeckt, das Tympanon (Giebelfeld) ziert ein Tondo mit Agnus dei und Kreuzfahne im Halbrelief. In der Basis ist eine Platte aus rotem Marmor mit fünfzehn Zeilen Frakturschrift angebracht:
Hier ruhen im [e]wigen Frieden
mein guter Vater H[e]rr Jos.
Zwerschina alias Zwier‘zina
Rentner allhier geb. 1802 ✠ 1865,
meine edle Mutter Frau Ther[es]e Zwerschina
geborne Bubenhoven die Letzt[e I]hres uralten
Stammes und Namens geb. 1815 ✠ 1890.
meine heißgeliebte unvergeßliche Gattin
Frau Ursula Zwerschina geb. 1851 ✠ 1901.
Solche Liebe kann nur schwinden
Wenn dereinst mein Auge bricht
Was hienieden ich mag finden
Solche Treue find ich nicht!
Herr Karl Jos. Zwerschina geb. 1[85]0
✠ 1[928]
Wer war „Karl Josef Zwerschina in Bubenhofen“?
Am 30. November 1850 wird er als Karl Joseph Bubenhofer in München unehelich geboren. Der Vater Joseph Zwerschina sollte seinen Sohn erst sechs Jahre später legitimieren und die Mutter ehelichen. Er hinterließ seinem Sohn ein nicht unbeträchtliches Vermögen.
Karl Joseph studiert einige Semester Chemie und führt ein sorgloses Leben als Privatier. Der Beitritt zum Historischen Verein von Oberbayern sollte sein Leben in andere Bahnen lenken. Der Verein setzte sich das „Erforschen und Bewahren des historischen Stoffes“ (Webseite Historischer Verein Oberbayern) zum Ziel. In diesem Sinne erwirbt der 24-jährige Zwerschina 1874 die Burg Abenberg im Landkreis Roth um 4.000 Gulden. Für sein erklärtes Ziel, die Sandsteinruine zu bewohnen, leitet er umfängliche Sanierungsmaßnahmen ein und nimmt historisierende Umbauten vor. Der Gesamtaufwand der Baumaßnahmen beträgt 80.000 Gulden. Schließlich muss er auf Drängen seiner frisch angetrauten Frau, der Münchner Gastwirtin Ursula Zwerschina, 1877 die Burg wieder verkaufen. Die väterliche Erbschaft war ausgelaufen, so änderte sich sein Status von Privatier zu Restaurateur, Zwerschina muss in den weiteren Jahren als Pächter beziehungsweise Geschäftsführer mehrerer Münchner Gastronomie-Betriebe (unter anderem dem Rathskeller) sein Geld verdienen.
Doch Zwerschinas Hang zur Alltagsflucht sollte ihn nicht mehr loslassen. 1887 schließt er mit dem Münchner Geschichtsprofessor Dr. Nepomuk Sepp (1816-1909) einen Vertrag: „Herr Karl Jos. Zwerschina verpflichtet sich zu dem am 26. Juli [müsste Juni heißen] in Tölz stattfindenden Feste fünfzig Landsknechtscostüme nebst passender Adjustierung ... leiweise zu beschaffen, auch die Aufstellung der Gruppe dort zu leiten ... Herr Professor Dr. Sepp sich gleichfalls verpflichtet die Summa von fünfhundert Mark baar an Herrn Zwerschina zu bezahlen“ (zitiert nach Hanko). Mit diesem stattlichen Honorar stellt Zwerschina eine fünfzigköpfige Histotainment-Truppe auf, deren Ausrüstung er aus dem Bayerischen Nationalmuseum, dem Fundus des Kostümateliers Hermann und seiner ehemals für Abenberg aufgebauten Sammlung zusammenwürfelt. Das Kriegerfest und die Einweihungsfeier des Kaspar-Winzerer-Denkmals wird zu einem weitgeachteten Erfolg. Viele der Teilnehmer schließen sich nach dem gelungenen Tölzer Auftritt zum “Wintzerer Fähndlein“ zusammen, einer „echt germanischen“ Kostümgesellschaft, mit dem Zweck auch weiterhin bei „patriotischen Umzügen“ (Münchner Tagblatt 3.10.1898) mitzuwirken. So spielt das „Wintzerer Fähndlein“ beim VII. Deutschen Turnfest in München 1889 den Zug Herzog Wilhelms IV. zum Turnier im Jahr 1518 nach. Zwerschina, mit dem blumigen Alias „Pfennigmaister Carol Josephus der Abenberger ain Junkher aws behaimbischem Landt“ (zitiert nach Hanko) ist die treibende Kraft dieses Event-Marketings. Der Junker aus böhmischen Land bezieht sich auf seinen vor 1800 aus Znaim in Mähren zugewanderten Großvater Alois Zwerschina.
Ebenfalls waren die ersten Oktoberfestzüge des „Wintzerer Fähndlein“ private Produktionen von Zwerschina: 1895 arrangierte er einen Jagdzug aus dem 16. Jahrhundert mit 200 Teilnehmern und 26 Pferden. Das Spektakel „Brautzug Herzog Wilhelms IV.“ im Jahr darauf konnte er beim Magistrat der Stadt München für 3.000 Mark vermarkten. In der Landwehrstraße wurde von ihm dazu ein Art Department zur Lagerung, Pflege und Erweiterung des Fundus eingerichtet.
Zwerschina verfügte neben seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen auch über handwerkliches Geschick. Schon in seiner Schulzeit am Theresien-Gymnasium fiel er als guter Zeichner und Kalligraph auf. Er verwandelt sich 1887 vom Restaurateur zum Restaurator und rühmt sich, in seinem Atelier „Restaurirungs-Arbeiten aller in das Gebiet des älteren Kunstgewerbes einschlägigen Gegenstände und Kunstwerke, gleichviel welcher Art“ durchzuführen (Text von Geschäftskarte (Visitenkarte) Stadtarchiv München).
Den Münchner Historienmalern war er ein geschätzter Ausstatter. Als Chemiker war er ein Meister der Patina. Eine Pressenotiz zu seinem 75. Geburtstag erwähnt, dass er als Restaurator für die Erhaltung altägyptischer Textilien und Gräberfunde betraut wurde und für zahlreiche kunsthistorische Sammlungen, unter anderem dem Bayerischen Armee- und Nationalmuseum, tätig war. Nach dem Ersten Weltkrieg firmiert Zwerschina als „Werkstätte für Wiederherstellung von Kunstwerken und Altertümern“ in der Schwanthaler Str. 72/II GG. Als Kenner des Metiers sagte er einmal unverhohlen: „Wenn die Leute wüssten, was in den Museen noch original ist ...“ (Heimatliche Streifzüge 40).
1928 brach das Auge des vielseitigen Unternehmers und Selbstdarstellers. In seiner Sterbeurkunde steht als Beruf lapidar „Gastwirt“.
Bilder








