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Das Fotoatelier Elvira

Architektonische und weibliche Emanzipationsgeschichte in der Von-der-Tann-Straße 15

Als die Nationalsozialisten 1937 den Befehl gaben, das Ornament an der Fassade des Hof-Ateliers Elvira in der Von-der-Tann-Straße 15 abzuschlagen, stellte dies nicht nur einen schmerzlichen Verlust für die Münchner Architekturlandschaft dar, sondern auch für die städtische Frauengeschichte: Das leider nicht mehr erhaltene Jugendstil-Gebäude, das von dem Berliner Architekten August Endell (1871–1925) entworfen und 1898 vollendet wurde, entstand im Auftrag der Unternehmerinnen und Lebensgefährtinnen Anita Augspurg (1857–1943) und Sophia Goudstikker (1865–1924).

Die Auftraggeberinnen, deren lesbische Beziehung und politischer Einsatz für die Rechte der Frauen im konservativen München großes Aufsehen erregte, gründeten bereits 1887 ein Fotostudio und avancierten schnell zu zentralen Figuren der Münchner Gesellschaft – Goudstikker wurde als erste Frau sogar zur „Königlich Bayerischen Hofphotographin“ ernannt. Ebenso außergewöhnlich wie Augspurg und Goudstikker war auch der von Endell konzipierte Neubau des Fotoateliers, der insbesondere mit dem fast die gesamte Hausfassade einnehmenden Wandornament bestach. Das Ornament, dessen ebenso abstrahierte wie organische Formensprache an einen wilden Drachen oder eine tosende Meeresszenerie erinnern mag, sollte in seiner ästhetischen Radikalität eine singuläre Erscheinung im Münchner Stadtbild der Jahrhundertwende bleiben.

Kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes trennten sich Goudstikker und Augspurg. Goudstikker führte das Atelier zunächst alleine weiter. 1908 verpachtete sie das Geschäft an die Fotografin Emma Pförtner-Uibeleisen, um sich ganz auf die Frauenrechtsarbeit zu konzentrieren – u. a. gründete und leitete sie die „Rechtsauskunftsstelle für Frauen“ des bis heute existierenden Münchner „Vereins für Fraueninteressen“. Nachdem Goudstikker 1924 und Pförtner-Uibeleisen 1928 verstarben, stand das Gebäude zunächst leer.

Augspurg, die ihren Anteil am Fotoatelier schon 1907 verkauft hatte, widmete sich ebenfalls verstärkt ihrem politischen Aktivismus. Zusammen mit ihrer neuen Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann (1868–1943) wurde sie in den Vorstand des von ihr mitbegründeten „Verbands fortschrittlicher Frauenvereine“ gewählt und setzte sich dort für das Frauenwahlrecht ein – in Bayern durften Frauen erst ab 1918 wählen. Nach einem gescheiterten Versuch, Adolf Hitler wegen Volksverhetzung 1923 ausweisen zu lassen, gerieten Augspurg und Heymann zunehmend unter gesellschaftlichen Druck. Sie gingen 1933 ins Schweizer Exil, wo sie beide 1943 kurz nacheinander verstarben.

Das ab 1928 verwaiste Gebäude wurde 1933 von der nationalsozialistischen Stadtverwaltung beschlagnahmt und zweckentfremdet – etwa als Quartier für eine SA-Einheit. Durch die Entfernung des Wandornaments wurde das Gebäude oberflächlich ‚purifiziert‘ und hätte wenig später im Zuge der städtischen Umgestaltung durch die Nationalsozialisten gänzlich entfernt werden sollen. Zwar wurden diese Pläne mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verworfen, jedoch wurde das Anwesen bei einem Bombenangriff 1944 so schwer beschädigt, dass es wenig später dennoch abgerissen wurde. Der Bayerische Staat verkaufte das Grundstück 1951 schließlich an die US-amerikanische Regierung, die darauf ihr heute noch existierendes Generalkonsulat errichtete. Heute erinnert hier nichts mehr an die bewegende Geschichte zweier lesbischer Frauen, die mit ihrem politischen Einsatz ebenso wie mit ihrem architektonischen Wagemut eine bedeutsame und leider oftmals vergessene Etappe der Münchner Stadtgeschichte darstellen.

Bilder

Fotoatelier Elvira
Fotoatelier Elvira Die von August Endell gestaltete Fassade des Hof-Atelier Elviras, Fotografie von 1897/98. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Bildarchiv des Bruckmann-Verlags, ZI-BAB-26-Arch-157
Treppenhaus im Atelier Elvira, 1896
Treppenhaus im Atelier Elvira, 1896 Auch in der Innenausstattung des Hauses setzt Endell seine Ornamentsprache fort. Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek/Archiv, ZI-1006-07-01-Th054479 / © Bildarchiv Foto Marburg
Stuckfries im Fotoatelier Elvira, undatiert
Stuckfries im Fotoatelier Elvira, undatiert Als Ausgangspunkt für die Ornamentik haben u. a. botanische Zeichnungen der Meereswelt gedient... Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek/Archiv, ZI-1006-07-01-Th054481 / © Bildarchiv Foto Marburg
Stuckfries im Fotoatelier Elvira, undatiert
Stuckfries im Fotoatelier Elvira, undatiert Quelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek/Archiv, ZI-1006-07-01-Th054482 / © Bildarchiv Foto Marburg
Anita Augspurg  und Sophia Goudstikker
Anita Augspurg und Sophia Goudstikker Ihre progressiven Ansichten brachten Anita Augspurg (links in einer Fotografie um 1895) und Sophia Goudstikker (rechts in einer Aufnahme um 1895) auch mit ihrem modischen Auftreten und den modernen Kurzhaarfrisuren zum Ausdruck. Quelle: Rudolf Herz und Brigitte Bruns (Hg.): Hof-Atelier Elvira, 1887–1928. Ästheten, Emanzen, Aristokraten, Ausst.-Kat. München, München 1985, S. 65 und 64.
Anita Augsburg in ihrem Arbeitszimmer, 1899
Anita Augsburg in ihrem Arbeitszimmer, 1899 Quelle: Rainer Metzger: München. Die große Zeit um 1900. Kunst, Leben und Kultur, 1890–1920, Wien 2008, S. 132/133.

Ort

Von-der-Tann-Straße 15, 80539 München | Nicht erhalten

Metadaten

Nicholas Maniu, “Das Fotoatelier Elvira,” MunichArtToGo, accessed 23. Juni 2024, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/26.