Eingeordnet unter Künstlerausbildung

Die Ažbe-Schule

– auch abseits etablierter Institutionen erblüht neue Kunst

Von 1891–1905 unterhielt der Maler Anton Ažbe in München eine renommierte Mal- und Zeichenschule. Innovative Lehrmethoden und Internationalität zeichneten die Schule aus.

Auf Drängen einiger Kommilitonen, denen der Rahmen der Münchner Akademie der Bildenden Künste zu eng war, richtete der slowenische Maler Anton Ažbe (1862–1905) – der selbst Schüler an der Akademie gewesen war – 1891 ein kleines Atelier ein, das von Student:innen zusätzlich zum Unterricht an der Akademie besucht werden konnte. Das Atelier erfuhr so großen Zulauf, dass die Räumlichkeiten bald zu klein wurden und Ažbe ein größeres Atelier in der Türkenstraße bezog. Doch auch dieses war bald zu klein, sodass er schließlich ein Haus in der Georgenstraße 16 anmietete und dort eine Privatschule einrichtete. Eine Schule eigens für Damen wurde in der Amalienstraße 57 eröffnet. Später wurden die beiden Standorte zu einem Atelier für Anfänger und einem für Fortgeschrittene, in denen Studierende beiderlei Geschlechts – anders als an der Akademie – arbeiten konnten.

Ažbe, der als verständnisvoller und hervorragender Pädagoge galt, zog junge Künstler:innen aus der ganzen Welt, insbesondere aus Osteuropa an. Zu seinen Schüler:innen zählten Maler wie Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky, die sich 1897 in der Ažbe-Schule kennengelernt hatten. Weitere Persönlichkeiten, die bei Ažbe malten, waren etwa Igor Grabar, Josip Račić, Dmitry Kardowsky und Franziska zu Reventlow. Manche der Ažbe-Schüler:innen kamen ohne künstlerische Vorbildung, andere hatten ein Studium im Ausland hinter sich oder studierten parallel an der Akademie. Die Akademie empfahl Ažbes Schule nicht nur, sondern beglaubigte seine Diplome sogar mit ihrem Siegel. Selbst bereits etablierte Künstler:innen kamen in die Schule, um dort nach Modellen zu arbeiten. Bei seinen Schüler:innen herrschte die Überzeugung, „eine einzige Korrektur von Ažbe wäre mehr wert als ein Jahr an der Akademie.“ (Ulf Seidl: Feine Brüder, in: Wiener Tagblatt, 04.10.1930).

Ažbe wandte in seiner Schule Methoden an, die fortschrittlicher waren als jene der Akademie und der meisten anderen Privatschulen. Außerdem war er interessiert daran, den neuen Strömungen in der Kunst Raum zu geben. Die jungen Künstler:innen sollten sich in seiner Schule frei entfalten dürfen und in ihren Neigungen und der Entdeckung ihrer Talente unterstützt werden.

Über dem Eingang der Schule stand der Leitspruch „Nur fest!“ – eine Aufforderung, schwungvoll, mutig und entschlossen zu arbeiten. Ažbes pädagogische Lehre baute auf zwei Prinzipien auf: dem „Kugelprinzip“ und der „Farbkristallisation“. Mit dem Kugelprinzip wollte er seinen Schüler:innen vermitteln, dass sich alle Dinge auf die Kugel zurückführen oder von ihr ableiten lassen und dass sie alles zeichnen könnten, wenn sie den ideal runden Gegenstand – die Kugel – beherrschten. Außerdem ermutigte Ažbe seine Schüler:innen, dem Prinzip der Farbkristallisation zu folgen, nach dem Farben ohne vorheriges Mischen direkt auf die Leinwand aufgetragen werden.

Von Ažbe selbst gibt es kaum schriftliche Ausarbeitungen seiner Theorien, lediglich einige Aussagen seiner Schüler:innen geben Auskunft über die Abläufe und Methoden in der Schule. Kandinsky zitierte Ažbe mit einem Ausspruch, der charakteristisch für seine Lehre und moderne Auffassung ist: „Sie müssen die Anatomie kennen, aber vor der Staffelei müssen Sie sie vergessen.“ (Wassily Kandinsky: Betrachtungen über die abstrakte Kunst, in: Max Bill [Hg.]: Essays über Kunst und Künstler, Bern 1963, S. 150).

Auch nach seinem Tod im Jahr 1905 wurde das Atelier unter dem Namen „Ažbe-Schule“ noch bis 1913 weitergeführt. Die innovativen Ideen Ažbes sollten für die Kunst der nächsten Jahre nicht ohne Folgen bleiben. Im Geist von Ažbes Schule wurden Künstlervereinigungen wie der „Blaue Reiter“ gegründet. Auch auf russische Malschulen des beginnenden 20. Jahrhunderts übte die Ažbe-Schule einen großen Einfluss aus, da einige von Ažbes Schülern dort Lehrer wurden und seine Methoden vermittelten.

Bilder

Anton Ažbe in seinem Atelier, um 1903
Anton Ažbe in seinem Atelier, um 1903 Azbe war auch selbst als Maler tätig, seine Werke erlangten jedoch nicht die Berühmtheit seiner Schule und einiger seiner Schüler:innen. Quelle: Slovan. Mesečnik za književnost, umetnost in prosveto 1 (1903), Heft 4, S. 105.
Karte von München (Detail) mit den drei Standorten der Malschule, um 1900
Karte von München (Detail) mit den drei Standorten der Malschule, um 1900 Zunächst hatte Anton Ažbe von Architekt Emanuel von Seidl Räumlichkeiten in der Georgenstraße 40 für seine Mal- und Zeichenschule angemietet. Aufgrund des großen Andrangs eröffnete er darüber hinaus in der Georgenstraße 16 eine Malschule für Herren und in der Amalienstraße 57 eine Malschule für Damen. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek München, Mapp. XI,467 ikf
Inserat der „Mal- u. Zeichnen-Schule von Anton Ažbe“, 1901
Inserat der „Mal- u. Zeichnen-Schule von Anton Ažbe“, 1901 Im Gegensatz zur Akademie waren in Ažbes privater Malschule auch Frauen zugelassen. Quelle: Offizieller Katalog der Ausstellung von Meisterwerken der Renaissance aus Privatbesitz, veranstaltet vom Verein bildender Künstler Münchens „Secession“ e.V., vom 3. Juni bis 30. September 1901 im kgl. Kunstausstellungsgebäude am Königsplatz München, München 1901, Inseraten-Anhang, S. 11.
Ludvik Kuba, „In der Malschule von Anton Ažbe“, 1900. Krajskagalerie, Hradec Kralove
Ludvik Kuba, „In der Malschule von Anton Ažbe“, 1900. Krajskagalerie, Hradec Kralove In den hellen Räumen der Malschule arbeiteten Schüler:innen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Vorkenntnissen gemeinsam. Quelle: Bernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht, München, 2004, S. 65.
Anton Ažbes Malschule, um 1897
Anton Ažbes Malschule, um 1897 Der Lehrplan der Malschule sah unter anderem Zeichnen und Malen nach dem lebenden Modell vor. Quelle: Wikimedia Commons
Im Malatelier von Anton Ažbe, München 1899
Im Malatelier von Anton Ažbe, München 1899 Besucht wurde die Malschule von Künstler:innen wie Alexej von Jawlensky oder Igor Grabar. Quelle: Roman Zieglgänsberger (Hg.): Horizont Jawlensky. 1900–1914. Alexej von Jawlensky im Spiegel seiner künstlerischen Begegnungen, Ausst.-Kat. Wiesbaden/Emden, München 2014, S. 101.
Beta Vukanović, Karikatur von Anton Ažbe, undatiert
Beta Vukanović, Karikatur von Anton Ažbe, undatiert Babette Bachmayer, später Beta Vukanović, (1872–1972) hatte von 1892–1896 bei Anton Ažbe studiert. Ihre Karikatur gibt Ažbe, wie immer elegant gekleidet, mit Pinsel, Palette und der legendären Virginia im Mund wieder, betont aber auch, dass er körperlich von kleiner Statur war. Quelle: Katarina Ambrozić (Hg.): Wege zur Moderne und die Ažbe-Schule in München / Pota k moderni i Ažbetova š ola v Münchnu, Ausst.-Kat. Wiesbaden/ Ljubljana, Recklinghausen 1988, S. 36.
Büste von Anton Ažbe mit Palette und Pinsel im Leopoldpark
Büste von Anton Ažbe mit Palette und Pinsel im Leopoldpark Initiiert von der Bayerisch-Slowenischen Gesellschaft wurde 2004 im Münchner Leopoldpark eine Bronzebüste von Ažbe enthüllt. Quelle: Wikimedia Commons Erstellt von: Katercarlox

Ort

Konradstraße 8 (ehemals Georgenstraße 40), Georgenstraße 16 und Amalienstraße 57, 80799 München | Nicht erhalten

Metadaten

Judith Becki, “Die Ažbe-Schule,” MunichArtToGo, accessed 30. Mai 2024, https://municharttogo.zikg.eu/items/show/41.