{"id":58,"featured":0,"modified":"2025-05-19 10:42:12","latitude":48.14596677650236,"longitude":11.56455516712731,"title":"Der Königsplatz und Ludwigs Isar-Athen","subtitle":"Ideales Vorbild oder konkretes Gestaltungsprinzip Ludwigs I.?","fullsize":"https://municharttogo.zikg.eu/files/fullsize/3da2975b454e8d4a26fe7a1653e0525c.jpg","address":"Königsplatz, 80333 München","zoom":16,"creator":["Hannah Rathschlag"],"description":"<p>„Ich werde nicht ruhen, bis München aussieht, wie Athen!?!“ – so soll sich gemäß dem Historiker Johann Nepomuk Sepp der junge König Ludwig I. bei seinem Regierungsantritt 1825 geäußert haben. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich das Bild Griechenlands europaweit durch Ausgrabungen, Reisen und Reiseberichte verbreitet. Wie beeindruckend die Ruinen der Antike auch auf König Ludwig I. (1786–1868) gewirkt haben müssen und welche Sehnsüchte sie in ihm hervorriefen, wird an seinem Ausruf beim Anblick der Tempelreste in Paestum deutlich: „Lieber, denn Erbe des Throns, wär‘ ich ein hellenistischer Bürger, In den Gedanken wie oft träumt‘ ich mich sehnend zu euch.“ (zit. nach Habel 1981, S. 175).</p>\r\n<p>Der passionierte Kunstliebhaber und Philhellene Ludwig I. unterstützte intensiv den griechischen Freiheitskampf (1821–1829), der schließlich in einer 30-jährigen Regentschaft seines Sohnes Otto als König von Griechenland gipfelte. München selbst versuchte Ludwig I. in ein „Isar-Athen“ zu verwandeln: Die griechische Antike sollte wiedererstehen und München kulturelles Zentrum Deutschlands werden. Diese Absicht suchte Ludwig vor allem durch Neubauten im griechischen Stil auf dem Königsplatz zu verwirklichen. Auch an anderen Orten Bayerns wollte er die Antike anhand von Architektur wiederbeleben und auf diese Weise die versunkene Kultur Griechenlands bewahren (beispielsweise in München durch das Siegestor und die Ruhmeshalle, durch die Walhalla bei Regensburg oder das Pompejanum in Aschaffenburg).</p>\r\n<p>Gleichwie der Staatsmann Perikles im 5. Jahrhundert v. Chr. ein glanzvolles Bauprogramm auf der Athener Akropolis förderte, sah sich auch der König von Bayern in seiner Bautätigkeit selbst als „neuer Perikles“ an und wollte München zur \"Kunststadt\" erheben.</p>\r\n<p>Ludwig I. wünschte sich ein Antikenmuseum im „reinsten antiken Styl“ (zit. nach Nerdinger 1999, S. 187). Sein bevorzugter Architekt, Leo von Klenze (1784–1864), entwarf den Bau, der 1830 – mit deutlichen Bezügen zu antiken Vorbildern wie dem Athenatempel in Priene – fertiggestellt wurde. Schon der Name Glyptothek – ein Neologismus aus γλυπτός (glyptos) und θήκη (theke) – drückte aus, wofür das Museum geschaffen wurde: zur Aufbewahrung der beeindruckenden antiken Skulpturensammlung Ludwigs I. Diese umfasste herausragende Skulpturen, wie die von seinem persönlichen Kunstsammler Johann Martin von Wagner angekaufte Figurengruppe aus dem Aphaiatempel in Ägina – die Ägineten –, deren Ausgrabungen bereits 1810 von Ludwig I. gefördert worden waren.</p>\r\n<p>Auch die Giebelfiguren der Glyptothek dienten als Verweis auf die Antike. So deutet die Eule als Attribut der Stadtgöttin Athena auf die griechische Stadt und die Weisheit sowie die Bildung des Menschen durch das neue, öffentliche Museum hin. Ludwig und Klenze wollten zusammen ein Ensemble dreier griechischer Säulenordnungen – ionische Glyptothek, dorische Propyläen und korinthische Antikensammlungen – erschaffen und so die antiken Formen „für den bairischen Himmel und Luft und Sonne“ (zit. nach Fendt 2021, S. 14) auf dem Königsplatz vereinen. Ludwig sei diesbezüglich sehr auf Authentizität der griechischen Architektur bedacht gewesen, um die „historische Aura“ (Nerdinger 1999, S. 187) Athens nach München zu übertragen. Zu seinem Museumsbau habe er folgende Verse gedichtet (zit. nach Baumstark 2000, S. 14), die das Ideal seines „Isar-Athen“ mustergültig illustrieren:</p>\r\n<p>„Sie ragt, ein Ideal, verklärt,<br />In griechischen Himmels tiefer Bläue,<br />Voll Würde, in erhabnem Werth,<br />Und Hellas lebet auf das Neue.“</p>\r\n<p>Neben den griechischen Künstlern und Professoren, die wie Nikolaus Gysis (1842–1901) an der Münchner Akademie der bildenden Künste lehrten, spielte der Vorbildcharakter Griechenlands noch im 20. Jahrhundert insofern eine Rolle, als die im Oktober 1933 zur „Hauptstadt der Deutschen Kunst“ erklärte frühere „Kunststadt München“ ausgerechnet den Kopf der Pallas Athene zum Signet bestimmte.</p>","sponsor":null,"accessinfo":"frei zugängliche Platzanlage","lede":"Das Ideal des Königs von Bayern war es, ein Athen-gleiches München an der Isar zu schaffen. Der Ort, an dem dieses Bestreben bis heute am besten erkennbar wird, ist der Königsplatz.","website":null,"related_resources":["Klaus Vierneisel (Hrsg.): Glyptothek München: 1830-1980, Jubiläumsausstellung zur Entstehungs- und Baugeschichte, 17. September – 24. November 1980 (Ausstellungskatalog, München, Glyptothek), München 1980.","Heinrich Habel: Der Königsplatz in München als Forum des Philhellenismus, in: Jahrbuch der bayerischen Denkmalpflege, Band 33 für 1979, München 1981, S. 175–198.","Reinhold Baumstark (Hrsg.): Das neue Hellas, Griechen und Bayern zur Zeit Ludwigs I., 9.November 1999 bis 13. Februar 2000 (Ausstellungskatalog München, Bayerisches Nationalmuseum), München 1999.","Gerhard Grimm: „We are all Greeks”. Griechenbegeisterung in Europa und Bayern, in: Reinhold Baumstark (Hrsg.): Das neue Hellas, Griechen und Bayern zur Zeit Ludwigs I., 9.November 1999 bis 13. Februar 2000 (Ausstellungskatalog München, Bayerisches Nationalmuseum), München 1999, S. 21–32.","Winfried Nerdinger: „Ein Bild des reinen Hellenismus in unsere Welt verpflanze“. Leo von Klenzes Bauten für Isar-Athen, in: Reinhold Baumstark (Hrsg.): Das neue Hellas, Griechen und Bayern zur Zeit Ludwigs I., 9.November 1999 bis 13. Februar 2000 (Ausstellungskatalog München, Bayerisches Nationalmuseum), München 1999, S. 187–192.","Raimund Wünsche: „Lieber hellenistischer Bürger als Erbe des Throns“. König Ludwig I. und Griechenland, in: Reinhold Baumstark (Hrsg.): Das neue Hellas, Griechen und Bayern zur Zeit Ludwigs I., 9.November 1999 bis 13. Februar 2000 (Ausstellungskatalog München, Bayerisches Nationalmuseum), München 1999, S. 1–20.","<a href=\"https://doi.org/10.11588/artdok.00000493\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Christian Fuhrmeister und Birgit Jooss (Hrsg.): Isar/Athen – Griechische Künstler in München – Deutsche Künstler in Griechenland, München 2008.</a>","<a href=\"https://doi.org/10.11588/artdok.00000493\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hans Lehmbruch: „Isar-Athen“ – Zur Geschichte und Bedeutung eines Epitheton ornans, in: Christian Fuhrmeister und Birgit Jooss (Hrsg.): Isar/Athen – Griechische Künstler in München – Deutsche Künstler in Griechenland, München 2008, S. 23–36.</a>","Astrid Fendt: Der Münchner Königsplatz und seine Bauten. Staatliche Antikensammlungen, Propyläen, Glyptothek, München 2013.","Hannelore Putz: Die Leidenschaft des Königs: Ludwig I. und die Kunst, München 2014.","Astrid Fendt und Florian Knauß (Hrsg.): Hellas in München – 200 Jahre bayerisch-griechische Freundschaft, 1821–2021: Dokumentation der Sonderausstellung „Hellas in München. 200 Jahre bayerisch-griechische Freundschaft“ in den Staatlichen Antikensammlungen und der Glyptothek München, 29. Juni bis 19. September 2021 (Ausstellungskatalog München, Antikensammlungen und Glyptothek), München 2021.","<a href=\"https://matrikel.adbk.de/matrikel/mb_1841-1884/jahr_1865/matrikel-02162\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Eintrag zu Nikolaus Ghizis im Matrikelbuch 1841–1884 der Akademie der Bildenden Künste München</a>"],"factoids":[],"files":{"https://municharttogo.zikg.eu/files/fullsize/3da2975b454e8d4a26fe7a1653e0525c.jpg":{"id":582,"mime-type":"image/jpeg","title":"Königsplatz mit Propyläen und Glyptothek, 1905","description":"Auf der grünen Platzanlage des Königsplatzes erheben sich noch heute die Bauten von Ludwigs Isar-Athen und vereinen die drei griechischen Säulenordnungen zu einem „Bild des reinen Hellenismus“ (zit. nach Nerdinger 1999, S. 190). | Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek, ZI-0986-01-00-377395 | Dr. Trenkler &amp; Co., Leipzig","thumbnail":"https://municharttogo.zikg.eu/files/square_thumbnails/3da2975b454e8d4a26fe7a1653e0525c.jpg"},"https://municharttogo.zikg.eu/files/fullsize/57026bde500ef92a03f63a5514cb144c.jpg":{"id":566,"mime-type":"image/jpeg","title":"Luftaufnahme mit Königsplatz, vor 1933","description":"Karl von Fischer konzipierte die Platzanlage des Königsplatzes nach dem Vorbild der Athener Akropolis. 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Die Siegessäule im Zentrum, die seitlichen Säulenumgänge an den Propyläen und die Podeste mit den Dioskuren Kastor und Pollux auf der gegenüberliegenden Seite, die den Platz optisch abschließen, ähneln hier eher dem Forum Romanum der späten Kaiserzeit. | <a href=\"http://mediatum.ub.tum.de/?id=949746\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Architekturmuseum der TUM, Signatur: bueh_j-12-2</a>","thumbnail":"https://municharttogo.zikg.eu/files/square_thumbnails/6c7e9f0ede9983ded6b71118831cbceb.jpg"},"https://municharttogo.zikg.eu/files/fullsize/834a475351fd9710fc4588f4812cc842.jpg":{"id":569,"mime-type":"image/jpeg","title":"Südfassade der Glyptothek am Königsplatz, 1855","description":"Die Glyptothek wurde von 1816 bis 1830 nach Plänen Leo von Klenzes (1784–1864) errichtet. Im Giebel ist Athena als Beschützerin der Künste zu sehen, die Nischenfiguren an der Fassade stellen Künstler der Antike dar sowie zeitgenössische Künstler bzw. 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Die Natürlichkeit des langen Chitons links wandelt sich zum ausgreifenden, überspitzten Kleid mit Wespentaille rechts. | <a href=\"https://doi.org/10.11588/diglit.3353#0133\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Fliegende Blätter 84 (1886) Heft 2126, S. 129</a>","thumbnail":"https://municharttogo.zikg.eu/files/square_thumbnails/46973e3c73955e8321bff5042cfded4d.jpg"},"https://municharttogo.zikg.eu/files/fullsize/96e106438185f3b7a21166357f2ae033.jpg":{"id":581,"mime-type":"image/jpeg","title":"Nikolaus Gysis: Historia, 1892","description":"Nikolaus Gysis (1842–1901), auch bekannt als Nikolaus Ghizis, trat 1865 in die Antikenklasse der Münchner Akademie (Matr. 02162) ein. Nachdem er auch bei Carl Theodor von Piloty in dessen Meisteratelier gelernt hatte, machte er sich als Künstler und Professor an der Akademie einen Namen. Seine griechische Herkunft zeigt sich auch in Werken mythologischen Gehalts sowie in Darstellungen des griechischen Lebens. Auf seinem Ölgemälde Historia, welches noch 1903 als Titelemblem des Katalogs der Münchener Jahresausstellung diente, zeigen sich griechisches Ideal und Münchner Kindl in Einklang. | <p>Links: Nikolaus Gysis: Historia, 1892, Öl auf Leinwand, Privatsammlung (<a href=\"https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nikolaos_Gyzis_-_Historia.jpg\">Wikimedia Commons</a>) – Rechts: <a href=\"https://bavarikon.de/object/bav:MON-GLA-00000BSB00002433\">Münchener Künstler-Genossenschaft: Offizieller Katalog der Münchener Jahresausstellung 1903 im kgl. Glaspalast, München 1903.</a></p>","thumbnail":"https://municharttogo.zikg.eu/files/square_thumbnails/96e106438185f3b7a21166357f2ae033.jpg"},"https://municharttogo.zikg.eu/files/fullsize/a4988abf9573564a650d3ff0f9714571.jpg":{"id":580,"mime-type":"image/jpeg","title":"Titelblatt des Katalogs der Großen Deutschen Kunstausstellung, 1940","description":"Neben Reichsadler mit Hakenkreuz im Eichenkranz und Fackel ist im runden Emblem auf der Titelseite der Kopf der Pallas Athene im Profil zu sehen. 1938 erschien auch das Buch „Unsterbliches Hellas“, herausgegeben von Charilaos Kriekoukis, welches ebenfalls einen Bezug zum antiken Griechenland für rassenideologische und propagandistische Zwecke herzustellen versuchte. | Große Deutsche Kunstausstellung 1940;  im Haus der Deutschen Kunst zu München, Juli bis Oktober 1940, München 1940.","thumbnail":"https://municharttogo.zikg.eu/files/square_thumbnails/a4988abf9573564a650d3ff0f9714571.jpg"}}}