{"id":358,"featured":1,"modified":"2026-08-12 14:23:57","latitude":48.131294,"longitude":11.587339,"title":"Die &quot;Bukolika&quot;","subtitle":"Die Kunst des Innehaltens","fullsize":"https://municharttogo.zikg.eu/files/fullsize/a1c3fe50dc4033b753c2d2da8e304d54.jpg","address":"Südlich der Ludwigsbrücke, am rechten Isarufer","all_locations":[],"zoom":18,"creator":["Dieter Wunderlich"],"description":"<p>Am rechten Isarufer, unterhalb der Ludwigsbrücke, sitzt \"Bukolika\", eine 1984 von Martin Mayer modellierte, einen Meter hohe Bronzefigur.</p> <p>Unter einer Bukolika verstehen Literaten eine Form der Hirtendichtung, die das einfache, friedliche Leben auf dem Land als Idylle im Kontrast zur Stadt idealisiert. Bei Martin Mayers \"Bukolika\" handelt es sich um eine sitzende junge Frau. Verträumt und selbstvergessen schaut sie nach oben. \"Doch was ihr Blick weit droben, in der Ferne zu suchen scheint, das hat sie nicht außen, sondern innen, nicht fern, sondern ganz nah gefunden, tief in ihrer eigenen Seele – die <i>Muße\"</i>, schreibt Dietrich Heyde 2013 in einem Brief an Martin Mayer (Heyde, S. 46). Und weiter: \"Deine ‚Bukolika‘ […] soll uns rastlos tätigen Menschen, die immer keine Zeit haben, wohl daran erinnern, wie wichtig die Muße ist.\" (a. a. O., S. 47).</p> <p>Der Kunsthistoriker Werner Haftmann hebt hervor, dass sich Martin Mayer seine Natürlichkeit bewahrt habe. Und Gerhard Marcks schreibt seinem Kollegen 1967: \"[…] Kaum zu glauben, dass Sie in Berlin geboren sind: nicht nur Ihre Themen sind echte unschuldsvolle Münchner Hexen – Ihre ganze Auffassung atmet die Isarluft auch im Geistigen.\" (Roethel, S. 161).</p> <p>Weibliche Figuren sind das zentrale Thema der Kunst von Martin Mayer. Dabei strebt er nicht vollkommene Schönheit an, wie griechische Künstler in der Antike, sondern bevorzugt vitale pyknische Körper, \"atmendes Volumen\" (Heinz Spielmann), gern auch mit breiten Hüften, die an Gebärfähigkeit denken lassen. Eckiges findet man bei Martin Mayers Frauenfiguren nicht, weder bei Körperformen noch bei Bewegungen.</p> <p>\"Keine dieser Frauen posiert, erst recht nicht als Modell, das einem Schönheitskanon zu entsprechen versucht\", kommentiert der Kunsthistoriker Heinz Spielmann (S. 8). Es gibt keine \"kalkulierte Statuarik\". Die Frauen scheinen sich selbst zu genügen; sie bewegen sich eigenständig, lebensbejahend, unbefangen, \"selbstvergessen jenseits aller Scham und Scheu\" (a. a. O.), niemals lasziv oder obszön.</p> <p>Bei den Frauenfiguren kommt es dem Künstler nicht auf anatomische Studien an. Wichtiger als Gesicht und Individualität sind ihm Volumen und Bewegung. Werner Haftmann vergleicht den Bildhauer mit einem Töpfer, der Formen schwellen lässt, statt sie aus einem Steinblock heraus zu meißeln.</p> <p>Martin Mayer (1931–2022) wurde als Sohn pfälzischer Eltern in Berlin geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er im Alter von 15 Jahren nach München und studierte bis 1954 beim Bildhauer Theodor Georgii, zunächst als Privatschüler, dann an der <a href=\"https://municharttogo.zikg.eu/items/show/50\">Akademie der Bildenden Künste</a>. Als Theodor Georgii 1952 den von seinem Lehrer und Schwiegervater Adolf von Hildebrand gestalteten, im Krieg beschädigten <a href=\"https://municharttogo.zikg.eu/items/show/135\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wittelsbacher Brunnen</a> restauriert, vertraut er Martin Mayer einige der Bildhauer-Arbeiten an. Der nimmt 1953 als jüngster Bildhauer an der Großen Kunstausstellung im Haus der Kunst teil. 1957 richtet er sein erstes Atelier in München ein.</p> <p>Theodor Georgii stirbt 1963 und hinterlässt Martin Mayer nicht nur sein vom Schwiegervater übernommenes Atelier im <a href=\"https://municharttogo.zikg.eu/items/show/72\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hildebrandhaus</a> in Bogenhausen, sondern auch Adolf von Hildebrands Bildhauer-Werkzeuge. Im Jahr darauf zieht der Künstler in eine Wohnung in der <a href=\"https://municharttogo.zikg.eu/items/show/45\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Borstei</a>, und als das Hildebrandhaus abgerissen werden soll, verlegt Martin Mayer 1968 auch sein Atelier dorthin.</p> <p>Der Kunsthistoriker Heinz Spielmann beschreibt, wie sich die von Martin Mayer mit kräftigen Strichen begonnenen Skizzen im Arbeitsprozess vom Detail lösen. Abstrahierung hält der Bildhauer für essenziell. Dabei denkt er nicht an abstrakte Kunst, sondern an die Subtraktion des Unwesentlichen. \"Kunst […] ist erklärte Natur, Abstraktion, in der Zufälligkeiten zugunsten des Wesentlichen abgezogen sind, Zusammenhänge sichtbar werden\", schreibt Martin Mayer 1991 in einem Brief an Dietrich Heyde (Heyde, S. 7f.), und dieser zitiert Theodor Georgiis Leitsatz: \"Man sollte bemüht sein, der Natur so nahe wie möglich zu kommen, indem man sich vom Naturalismus mehr und mehr entfernt.\" (Heyde, S. 14). \"Per naturam ad artem, per artem ad naturam\" steht auf der Kugel der \"<a href=\"https://municharttogo.zikg.eu/items/show/354\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Olympia Triumphans</a>\". Damit beschreibt Martin Mayer sein künstlerisches Selbstverständnis. Jede seiner etwa dreißig großen Bronzefiguren im öffentlichen Raum wirkt \"geradezu gewaltig einfach\" (Heyde, S. 29).</p>","sponsor":null,"accessinfo":"frei zugänglich","lede":"Wer nicht achtlos an der Bukolika vorbeieilt, besinnt sich auf den Wert der Muße","website":"","related_resources":["Martin Mayer, Bildhauer und Grafiker: <a href=\"https://martinmayer.art\">https://martinmayer.art</a>","Martin Mayer Gesellschaft e.V.: <a href=\"https://martinmayer.org\">https://martinmayer.org</a>","Dietrich Heyde: Briefgespräche mit dem Bildhauer Martin Mayer, Handewitt 2019.","Heinz Spielmann: Einführung zu Martin Mayer: Frauen. Bronzen ‒ Zeichnungen ‒ Fotografien, Heidelberg 2002.","Werner Haftmann: Der Bildhauer Martin Mayer, München 1988.","Hans Konrad Roethel: Einführung zu Martin Mayer: Bronzeplastiken und Zeichnungen, München 1972."],"factoids":["Auf der Seite <a href=\"https://bei-uns-in-muenchen.de/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bei uns in München</a> gibt es weitere Orte zu entdecken und Anregungen für Besichtigungen."],"files":{"https://municharttogo.zikg.eu/files/fullsize/a1c3fe50dc4033b753c2d2da8e304d54.jpg":{"id":2846,"mime-type":"image/jpeg","title":"Matin Mayer: &quot;Bukolika&quot;, 2026","description":"Am rechten Isarufer, unterhalb der Ludwigsbrücke, sitzt &quot;Bukolika&quot;, eine 1984 von Martin Mayer modellierte, einen Meter hohe Bronzefigur.  | <a href=\"https://bei-uns-in-muenchen.de/martin-mayer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bei uns in München - Martin Mayer</a> | Dieter Wunderlich","thumbnail":"https://municharttogo.zikg.eu/files/square_thumbnails/a1c3fe50dc4033b753c2d2da8e304d54.jpg"},"https://municharttogo.zikg.eu/files/fullsize/57a3de63a567091210eb9cb77ded2c70.jpg":{"id":2788,"mime-type":"image/jpeg","title":"Martin Mayer: &quot;Bukolika&quot;, 2023","description":"Unter einer Bukolika verstehen Literaten eine Form der Hirtendichtung, die das einfache, friedliche Leben auf dem Land als Idylle im Kontrast zur Stadt idealisiert.  | <a href=\"https://bei-uns-in-muenchen.de/martin-mayer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bei uns in München - Martin Mayer</a> | Dieter Wunderlich","thumbnail":"https://municharttogo.zikg.eu/files/square_thumbnails/57a3de63a567091210eb9cb77ded2c70.jpg"},"https://municharttogo.zikg.eu/files/fullsize/f99bfe033f5b0c26a4151e9fc7af8b49.jpg":{"id":2847,"mime-type":"image/jpeg","title":"Martin Mayer: &quot;Bukolika&quot;, 1984","description":"Bei Martin Mayers &quot;Bukolika&quot; handelt es sich um eine sitzende junge Frau. 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